KW 11

von ansich

Über Angst

Auf Wahlsonntag folgte Wahlmontag & Dienstag & Mittwoch und jeder redete über die neue Partei, die es ’so richtig‘ erst ab dieser Woche  gibt. Auch ich war Sonntag fassungslos und Montag versuchte ich mich schon in Analysen. Gleichzeitig las ich das unratifizierte Parteiprogramm der AfD, das Correctiv recherchiert hatte. Meine Fassungslosigkeit nahm zu.

Lisa Rank schrieb:

Ich will nichts mehr von diesen “Ängsten” lesen, denn die wahllose Verwendung des Wortes, auch von den Medien, bagatellisiert die von Rechtsextremisten aus diesem Gefühl gezogenen Konsequenzen, und das halte ich für falsch. Man kann sich immer entscheiden.

Man kann aus oder gegen die Angst handeln. Man kann sich entscheiden. Am Wochenende wurde aus Angst gewählt, in einer Gesellschaft, die viele existentielle Ängste gar nicht mehr kennt. Aber Angst ist auch eine anthropologische Konstante und sie wird immer da sein, in saturierten Gesellschaften entzündet sie sich aber an anderen Dingen: Gluten zum Beispiel (Lieblingsheadline: „Wenn das Brötchen Verwirrung stiftet“). Oder Geflüchteten. Wenn Kinder Monster unter dem Bett vermuten steht in jedem Erziehungsratgeber, dass man zusammen mit dem Kind nachsehen soll, ob sie wirklich da sind (es gibt aber auch Monsterspray). Wie würde das AfD-bezogen aussehen?

Was man nicht vergessen darf: Angst essen Seele auf. Das wusste schon Rainer Werner Fassbinder. Aber essen ist nicht gleich essen. Und Angst nicht gleich Angst. Sie kann nagen, knabbern, beißen. Angst schluckt, würgt und vereist. Und es gibt imaginäre und konkrete Ängste, Objektängste und „Ängste am Phantasma“.
Eins ist vielen Ängsten gemeinsam: sie arretiert, stellt fest, macht unbeweglich. Die Fluchtalternative ist unpopulär geworden, lieber zieht man sich zurück, wählt rechts und schränkt sich ein.
Und Ängste sind manchmal auch so klein, dass man sie kaum erkennt: wenn man im Restaurant ausschließlich Gerichte bestellt, die man kennt. Wenn man sein Kind immer im Augenwinkel hat. Wenn man verreist, ohne zu reisen, sondern sich nur in bekannte Kettenbetten mit allinclusive legt. Auch dann hat man Angst.
Man nennt es vielleicht Bequemlichkeit und ich bin auch ein großer Fan dieses Zustandes. Aber kann ein angenehmer Zustand, eine berechenbare Zukunftsperspektive – und sei es nur ein Frühstücksritual – die Angst bannen?

Kurzfristig, ja, aber institutionalisieren wir in unseren Vermeidungsstrategien nicht auch das, was wir vermeiden wollen? Lässt Angst sich wegbuchen? Die eben genannten Bequemlichkeitsphänomene haben ganz wesentlich mit Kontrolle zu tun. Einer Kontrolle, die uns von der Angst genommen wird. Wir haben natürlich keine Kontrolle, aber wir brauchen das Gefühl, sie zu haben. Menschen die immer nur zurück wollen legen die Zukunft in Fesseln. Und wenn wir Kontrolle wollen, werden wir zu Opfern, zu Aktivisten der Angst, denn:

Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit. Es immunisiert gegen jegliche Kritik. Der Mensch, der sich als Opfer versteht, hält sich fern von der schmutzigen Geschichte der Macht, er wünscht nicht, an ihr Teil zu haben. Und will dies als Unschuld verstanden wissen. Das ist Erpressung. (…)

Weil unsere Gegenwart von Subjektivität und Gefühlen durchtränkt ist, gibt es massenhaft imaginäre Opfer. Wer die gefühlte Unschuld und Wahrheit auf seine Seite bringt, wer sich als verletzt zeigt uns seine Geschichte erzählen will, der macht das Rennen, der hat die Macht.

Man kann von Daniele Gigliolis Buch Die Opferfalle sehr viel über das heutige Deutschland lernen.