KW 16

von ansich

Über Trauer

Prince. Jetzt ist der zweite Musiker gestorben, dem ich Ganzkörperanzüge in Plastik geglaubt habe. Der sich selbst nie in die Erzählung eines Comebacks einschreiben musste. Der immer gearbeitet hat, egal unter welchen Namen oder Symbolen (sowieso nur die Folge von Warner-Schikanen). Eric Clapton wurde einst gefragt, wie es sich denn anfühlt, der beste lebende Gitarrist auf der Welt zu sein. Er sagte: Keine Ahnung, frag Prince. Prince war neben Al Green der Meister der Sexmusik. Man kann nur ahnen, auf wievielen XXX-Playlisten er stand. Peter Breuer sagt:

Popmusik fängt an, wenn das Verlieben beginnt. Das ist Teil der menschlichen DNA. Die Bands oder Musiker, für die man sich in dieser Zeit entscheidet, sind wie die erste unglückliche Liebe, der erste Kuss und der erste Sex – Vergessen unmöglich.
https://peterbreuer.me/2016/04/22/no-beginning-and-no-end/

Und das Netz trauert. Wie bei Bowie. Gemeinsame, performative Trauer, die massenhaft alles hochspült, was das kollektive Gedächtnis längst verdrängt hatte: Prince in der Muppet-Show, Prince in Dessous auf der Bühne, alles in lila Regen. Allein der YouTube-Gema-Disput macht dieser Form der Trauer einen Strich durch die Rechnung: Jeder Hit auf YouTube ist gesperrt oder nur in schlechten Coverversionen verfügbar. Aber manchmal auch in guten.

Wenn das Netz trauert, weint es nicht. Es spricht, postet, erinnert sich. Man weint vielleicht im neuen Facebookemoji, aber wichtiger ist die kollektive Würdigung des Gehörten, Gelesenen, Gedachten. In seiner ausschnitthaften Auffindbarkeit wird ein komplettes Lebenswerk in die sozialen Medien gespült, und man versucht, wie früher im Plattenladen, den geheimsten, seltensten Fund zu tätigen: Die alte Bootlegplatte ist nun das schwarzweiße Video seines ersten öffentlichen Auftritts, die rare Pressung das erste Rolling Stone-Interview. Ein Politico-Beitrag nennt diese Form der Trauer „to out-sad one another“. Ich seh das anders. Man erinnert sich und fahndet nach dieser Erinnerung. Nur jetzt im Internet.

Ich mag das ja: Twitter & Facebook werden zum Kondolenzbuch und man kann stundenlang Prince oder David Bowie hören, an Robin Williams Filme erinnert werden und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Klar ist das kein neues Phänomen: Zu Victor Hugos Beerdigung kamen Millionen Pariser, bereits die Griechen und Römer haben riesige Beerdigungen organisiert. Neu ist der partizipative Moment des Netzes: Du – als Postender – bist Teil der Trauergemeinde, auch wenn es nur ein schnödes RIP ist. Du trägst durch deine Beiträge, die geteilten Interviews und Videos etwas bei, kannst in der Hilflosigkeit der Trauernachricht produktiv sein. Du kochst kein Essen für die Kernfamilie, aber du feierst Talent, das jäh zum Erbe geworden ist.

Ich finde diese Art kollektiver Trauer nicht billig, nur weil es wahnsinnig bequem ist. Man muss nicht mal aufstehen. Ein paar Klicks, schon ist man dabei. Richtig bleibt natürlich, dass es

eigentlich nicht der tod sein (sollte), der uns an unsere lieben, die lebenden oder unsere leidenschaften erinnert.
http://wirres.net/article/articleview/9730/1/6/

Als Internetphänomen wird der Tod von Celebrities immer anders betrachtet werden als jeder andere Tod, der nicht öffentlich gehandelt wird. Öffentlich halt. Eine öffentliche Person wird öffentlich betrauert, so lauten die Spielregeln, die sich mit den Regeln des Netzes paaren. Das Internet hat die Fähigkeit, jedes Ereignis, selbst den Tod, zu einem sozialen Trend zu machen. Und ist es nicht auch ein kleiner demokratischer Akt, ein Stück Selbstermächtigung, etwas ‚trenden‘ zu lassen?

Im Englischen gibt es den Unterschied von grief und mourning, zwischen innerer und äußerer Trauer. Wenn wir in Posts das Leben von Prince oder Robin Williams, oder David Bowie Revue passieren lassen, befinden wir uns aufmerksamkeitsökonomisch immer auf der sicheren Seite, da content umso interessanter wird, wenn er likeable und teilbar ist. Das Gesetz der Nachfrage schütz die Trauer. Die Ausgesetztheit des Netzes, mit jedem Post eine mögliche Angriffsfläche zu bieten, fällt bei öffentlicher Trauer weg. Solange man die ‚richtigen‘ Menschen betrauert fällt man weich in die offenen Arme des klagenden Internets.

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#gelesen:

Die ‚Geburt‘ des Neoliberalismus und seine Folgen: Toller Artikel, der jede Wirtschaftswissenschaftsvorlesung bereichern würde:

http://www.theguardian.com/books/2016/apr/15/neoliberalism-ideology-problem-george-monbiot

#gesehen:

2016-04-24 19.53.32