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arbeit am phantasma

Monat: Mai, 2016

KW 20

Über Sprache

Begriffe mit Gebrauchsspuren sind Begriffe, die zu oft zu unterschiedlich belastet wurden. Integration zum Beispiel. Abstrakt für alles zu verwenden – vom Deutschkurs bis zum Minarettverbot – und ähnlich oft verwendet, um nicht sichtbar zu machen, ob man jetzt den Deutschkurs oder das Minarettverbot meint. Semantisch indifferent erodiert das Wort das Darstellungsziel und wäre es ein sprachliches Bild, würde man es eine ‚tote Metapher‘ nennen.

In der Mode sind Gebrauchsspuren ein Grund, den Artikel in ‚mäßigem Zustand‘ anzubieten. Doch Begriffe haben eine andere Haltbarkeit. Niemand sagt: zu abgetragen, muss weg. Begriffe werden aufgehoben und verstauben in den Schrankecken unserer Vorstellung, oder werden totgelaufen, bis sie an den Sätzen nur noch in Fetzen hängen. Eingliederung ist aber auch kein schönes Wort, eine Gesellschaft sollte keine Kette sein. Vielleicht ‚Zurechtkommen‘? Zu negativ. Mein Synonymlexikon schlägt noch ‚Einordnung‘, ‚Anschluß‘, ‚Einreihung‘ vor. Naja, vielleicht sind Fremdwörter doch nicht so schlecht.

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Menschen haben gerne Recht. Wie könnte es anders sein: Das Gefühl richtig zu liegen, ist angenehm und wiegt uns in der Sicherheit, dass unser Gehirn noch korrekt funktioniert. Psychologen beschreiben dieses Phänomen als ‚Funktionslust‘. Vielleicht können Diskussionen deshalb so anstrengend sein, vielleicht fällt es deshalb schwer, Fehler einzugestehen: Weil jeder Irrtum das Gefühl zulässt, defekt zu sein.

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Wenn wir etwas beschreiben, entwerten wir es seltsam. Wir entwerten es, weil es nicht repräsentierbar ist, weil Sprache immer Krücke bleibt, weil das Auge nicht korrumpierbar und das Imanigationsvermögen selten objektiv ist.

Beschreibung ist dagegen nie vorurteilslos, so sehr sie auch diesen Anschein in sich tragen mag. Beschreibung ist im selbem Maße normativ wie der Gegenstand sich dem Betrachter entzieht. Demzufolge gilt es, die Beschreibung hinter der Beschreibung zu dechiffrieren. Was sind die Ziele des Subtextes? Wo liegt die Intention, die sich unter der Beschreibung abzeichnet, sichtbar und unsichtbar zugleich als unterbewusste Botschaft, als anachronistische Manipulation?

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Ich habe Wörter entdeckt:

Das erste heisst „yonder“, ein englisches Wort, für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt. Es bezeichnet den Raum zwischen ‚hier‘ und ‚dort‘. Ich dachte zuerst, man könnte es mit ‚jenseits‘ übersetzen, doch ist man immer ‚jenseits VON irgendetwas‘, der Anfangs- oder der Endpunkt werden genannt, eine Exklusion, die bei yonder nicht zulässig ist. Man befindet sich bei yonder auf der Strecke, nicht an einem bestimmten Ort, sondern eher in einem Kontinuum von Möglichkeiten, ähnlich der Elektronenwolke bei Atomen, die auch nur in ihrer Bahn, nicht an ihrem Ort bestimmt werden können. Yonder umschreibt vielleicht nicht nur einen Raum, sondern auch einen Zustand.

Das zweite Wort ist japanisch und heisst wabi“. Ich glaube, wabi ist auch ein Wort, das sich schwer in unsere Sprache übersetzen lässt, da es ein semantisches Feld umschreibt, für das es im Deutschen nur Anreicherungen gibt, additive Reihen von Beschreibungsversuchen. Meine sind folgende: wabi bezeichnet eine Art verhüllte Schönheit, eine Raffiniertheit, die sich den Anschein der Einfachheit und Grobheit gibt, um nicht offensichtlich schön zu sein. Letztlich eine Schönheit, deren Schönheit auch darin besteht, nichts von ihrer Schönheit zu wissen.

I see bedeutet im Deutschen ja auch ich verstehe, nicht ich sehe… Und lucky is not happy. Nur wir scheinen da keinen großen Unterschied zu machen.

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#gelesen:

Rechtspopulisten repräsentieren nicht, sie sind das Volk: Kluge Analyse von Kathrin Röggla: http://monde-diplomatique.de/artikel/!5292360

KW 19

Über Rom

Wer ohne Selfiestick aus Rom zurückkehrt, ist nicht in Rom gewesen. Vielleicht kann man Städte daran erkennen, was fliegende Händler Touristen anbieten. Hier: Überall Selfiesticks, die bei Regen blitzschnell gegen Schirme getauscht werden. Rom muss also eine Stadt der Hintergründe, der Kulissen sein. Und das ist sie zweifelsfrei: Kaum eine Ecke, die sich nicht als Rückwand eignet, die dich wahlweise einschreibt in Prachtausübungen antiker oder barocker Geschichte.

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Aber erstmal: Pendler. Pendler sind überall und überall müde. Und müde Menschen handeln ökonomisch. Stellen sich eng an die Bahntüren, links und rechts einen Spalt für Aussteigende bereitstellend. In Gruppen hintereinander, die nur durch ihre leichte Asynchronität erkennen lassen, wie früh es ist. Ihr Gang, seine Zielgerichtetheit und schleppende Eleganz gleicht einem Ritual, einem kollektiven Schlafwandeln. Man findet seinen Platz intuitiv, fast ohne die Augen mehr als einen Spalt öffnen zu müssen. Am Düsseldorfer Flughafen gibt es metallbeschlagene Bodenfliesen vor den Türen des Shuttlezuges. Dort stehen sie, in Gruppen von fünf, die Markierung nicht überschreitend.

Und: es ist immer ruhig in Pendlerzügen. Konfrontiert mit der schweren Stille von vertriebenem Schlaf wird jedes Gespräch, jedes Telefonat schleppender und verstummt irgendwann. Dieser Verhaltenskodex ist geprägt von einem Nebel aus Müdigkeit, der jeden Einsteigenden umgibt. Erst bei der Arbeit, erst im Büro musst du wach sein. Bis dahin Dämmerung.

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Wir stehen auf dem Palatin, der ersten Siedlung Roms. Die Siedlungsspuren auf dem Hügel reichen zurück bis in die mittlere Steinzeit (100.000-35.000 v. Chr.), und seit dem 9. Jahrhundert hatten sich Menschen hier dauerhaft niedergelassen. Damit ist der Palatin Quelle und Zeuge des zivilisatorischen Motors schlechthin: Der Sesshaftigkeit. Der Moment, in dem der Mensch sich niederlässt, Ackerbau betreibt und mehr Kinder kriegen kann. Der Moment, an dem Felder bestellt und fruchtbar werden, Tiere gehalten und verwertet, Häuser gebaut und bewirtschaftet werden müssen. Die Sesshaftigkeit gilt nicht nur in der Archäologie als der Innovationsantrieb schlechthin, als der Moment, in dem die Welt nicht nur gepflückt, sondern genutzt wurde, in dem der Mensch nicht nur alles auf der Erde sammelte und erlegte, sondern in sie eingriff, Brunnen anlegte, Erde umgrub, Städte baute und sie ummauerte.

Wenn Sesshaftigkeit nicht nur ein Begriff, sondern ein Selbstverständnis ist, macht es Sinn, dass immer wieder Völker verfolgt wurden, die nicht sesshaft waren. Denn Nichtsesshaftigkeit, Nomadentum macht den Sesshaften Angst. Angst auch deshalb, weil die Wandernden nicht zu orten, nicht einzuschätzen sind. Und nicht zählbar. Wann, wo und ob sie eine Gefahr darstellen, kann man nicht wissen und nur schwer in Erfahrung bringen. Diese alte Angst scheint heute wieder da zu sein. Geflüchtete haben ähnliche Merkmale: schwierige Verortung, schlecht erfassbar und zählbar, als Gruppe heterogen. Und das alles innerhalb unserer Stadtmauern. Sesshaftigkeit hat vielleicht unsere Triebe gezähmt, aber nicht unsere Ängste.

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Was man altersgerechte Kleidung nennt, scheint es hier nicht zu geben. Omas sind nicht beige in Rom. Eher bunt. Und Jeans kann man mit 80 ebenfalls tragen. Auch Kälte ist relativ. Es waren 20 Grad, Touristen hatten T-Shirts, Römer Daunenjacken an. Ich habe das schon in anderen südlichen Ländern beobachtet und ich bin mir sicher, es hat nicht nur damit zu tun, dass 20 Grad in Rom tatsächlich als kälter empfunden werden. Es ist auch das Modeempfinden, dass es den Römern unmöglich macht, nur eine Saison zu tragen. Wann kann man denn die schönen Jackenmodelle, Steppwesten und Stiefelformen anziehen, wenn nicht bei 20 Grad im Mai?

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Wir fahren raus aus Rom. Hochhäuserstapel, wie so oft. Siebzig Wohnungen und mehr über- und nebeneinander. Hier fällt auf: fast jeder Balkon ist bepflanzt. Man hofft auf 50 Rosmarinkübel senkrecht und 30 Oreganokübel waagerecht. Auf den Dächern Stachel aus Fernsehantennen, für jede Wohnung eine. Wenn jede Stadt ihre Hochhäuser ebenso einzigartig machen wie ihre fliegenden Händler, hat Rom einen Speckgürtel, der grün und stachelig ist. Gesäumt mit Pinien.

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#gesehen:
„Du musst zum Vater!“ „Du musst zur Mutter!“ „Nein, zum Vater!“

Ein Mädchen, nicht gewollt, nur mit eigenem Willen ausgestattet. Ihre einzige Hilfe: Ihre Katze.

 

#gesehen:

Auf meinem Handy kann ich zeichnen. Hier: Der Petersplatz mit Obelisk und Brunnen. Fast wie Winckelmann.

2016-05-16 18.29.03

KW 18

Über Druck

Ungepolsterte Augen, die angeschrien werden: Hier Leid, hier schöne Wohnung, hier funny Katzenvideo! Schau, schreit es ihnen entgegen, sieh hin, konsumiere, helfe. Ich blicke weg. Es gibt den Druck der Aufmerksamkeit der Dinge, die in sozialen Medien als Wellen unsere Augen brechen. Einen Druck der Welthaftigkeit, der dort vermittelt nur ein Foto oder ein kurzer Text ist, aber eigentlich so viel mehr: Unser Gehirn schmeißt uns nach links und rechts, nach oben und unten: Sieh, dieses kleine Pinguinbaby ist in Not. Sieh, dieser Fußballspieler ist ungehörig gewesen. Sieh, hier eine wackelige Gif eines Wellensittichs. Dabei sieht man nur Echos. Pixelgewordene Echos, die wir mit Welt verwechseln. Alles ist gleichzeitig und doch nicht da.

Durch dieses Übermaß an Echos gibt es auch ein Übermaß an Hall. Unsere Ordnungen, das, was man glaubt, ein ‚geregeltes‘ Leben zu nennen, wird aufgepumpt und gestört. Mit Vergleichen, die digital sind, Interieurblogs, die immer besser aussehen als die eigene Wohnung, mit Körpervorbildern, die massenweise als digitale Geister das Netz fluten, mit Angeboten zu Nachfragen, die wir nie hatten.

Wenn man sich vergleicht, gleicht man dem Anderen automatisch. Der Vergleich lässt nur Ähnlichkeit zu, jeder andere Aspekt, jede Alterität, jede Eigenschaft, die einen Vergleich eigentlich nicht zulassen würde, wird ausgeblendet. Ich habe mal eine Hausarbeit gelesen, in der eine mittelalterliche Buchmalerei, die die Übergabe der Gesetzestafeln an Moses zeigte, mit einem amerikanischen Historiengemälde verglichen werden sollte, auf dem Thomas Jefferson die Unabhängigkeitserklärung verfasst. In beiden Bildern wurden zwar ‚Gesetze‘ erstellt und transferiert, aber damit schlossen sich auch die medialen Gemeinsamkeiten. Man kann nicht alles vergleichen, man sollte es nicht. Weil ein Vergleich immer auf eine Wertung verweist, ein besser und schlechter imaginiert und das, obwohl zu wenig Kategorien existieren, die tatsächlich einen Vergleich zuließen.

Byung-Chul Han hat jüngst gesagt:

„die Bemühung um Authentizität, nur sich selbst zu gleichen, löst einen permanenten Ver-Gleich mit anderen aus.“

Es scheint absurd: Je mehr wir authentisch, letztlich uns selbst ähnlich sein wollen, desto mehr muss man sich von anderen abgrenzen. Und das passiert durch den Vergleich, der schnell gezogen ist in digitalen Zeiten, wo jede Kategorie sofort recherchierbar ist. Doch was vergleicht man dort wirklich? Und warum lassen wir zu, dass diese Echos Druck erzeugen?

Wir brauchen Druck. Wir suchen ihn. Denn Druck ist physikalisch ein Widerstand, ein Widerstand vor der eigenen Verkleinerung. Wenn ‚die Moderne‘ dadurch gekennzeichnet ist, dass Orte des Zwangs, wie Fabriken oder die Armee, weniger Personal benötigen, ist der externe Druck einem internen gewichen. Die Freiheit und Flexibilität westlicher Gesellschaften lässt – so eine These – so wenig Zwang sichtbar werden, dass wir jenen Druck, der notwendig ist, um so etwas wie Identität zu formen, verinnerlichen.
Schon Descartes hat die Vorstellung von Identität als Raum bemüht, der ausgestellt und eingerichtet wird. Ist das der Grund für den Erfolg von Interieurblogs? Wo Eigentum herrscht, fängt Reinigung an. Beschmutzt sind nur die Außenräume, die Stadt, Staat oder einer sonstigen kaum fassbaren Entität obliegen.

Es gibt zu viele Ordnungsangebote, zu viele Kategorien. Der Druck, den wir empfinden, ist auch ein Druck der Annahme, es könnte nur ein entweder/oder und kein und in dieser schieren Masse geben. Christiane Frohmann hat auf der re:publica vor ein paar Jahren einen schönen Vortrag über dieses und-Dasein gehalten. Ihre grobe These war, dass man entweder/oder-Menschen von und-Menschen trennen kann. Und für entweder/oder-Menschen prägte sie den schönen Satz, dass jene sich als Content dem Kontext anpassen müssen, dass sie immer wissen, welche Rolle sie gerade innehaben.
Ich denke, ein Teil der gefühlten Überforderung ist daraus abzuleiten. Wir wollen Sinn, Ränder, umgrenzte, einfache Zuschreibungen. Die es – zumindest im Netz – in diesem hermeneutischen Sinn nicht mehr gibt. Die Art der Überforderung, der Druck entsteht aus den vielfachen Kontexten, in denen man sich nicht mehr verhalten kann. Richtig oder Falsch kann und sollte keine primäre Reaktion auf diese Art der Information sein, und wenn wir doch so denken, enden wir im Vergleich.

Den und-Menschen hat Frohmann vor allem attestiert, dass sie mischen. Das Ordnungen und Kategorien für sie nicht dieselbe institutionelle Bedeutung besitzen wie bei entweder/oder-Menschen. Ein früher und-Mensch ist z.B. Robert Musil, der es nie mit der festen Vorstellung von Identität als gesetztes, eisernes, mit Attributen angereichertes Ich hatte, sondern sagte:

„Individuum ist ein Ablauf, eine Variation. Fertig mit seinem Tod“.

Als Lackmustest, ob man ein entweder/oder- oder ein und-Mensch ist, empfiehlt Frohmann übrigens, sich die Frage zu stellen, ob man eine Email an Barack Obama mit Emoticons versehen würde.

Ich mag diese Unterscheidung, auch wenn ich mich keinem oder eher beiden Lagern zuordnen kann (was auch möglich ist). Diese Unterscheidung erklärt nämlich sehr schön anschaulich den Druck. Nicht nur den Druck der Sehdaten. Sondern auch den Druck, jedem Rollenangebot, jeder Information mit einem ‚adäquaten‘ Verhalten, sei es emotional oder physisch, begegnen zu wollen. Vielleicht sollten wir versuchen, das hin und wieder zu lassen. Und uns nicht verhalten.

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#gelesen:

Besucht ihr die International Movie Database (IMDb), Metacritic oder Rotten Tomatoes, bevor ihr einen Film anseht? Lucas Barwenczik hat hier sehr lesenswert aufgeschrieben, wie diese Datenbanken funktionieren und das Schwarmintelligenz nicht immer intelligent sein muss:

http://www.kino-zeit.de/blog/b-roll/kritik-an-der-schwarmkritik-das-problem-mit-imdb-rotten-tomatoes-und-metacritic

KW 17

Über Zufall

Game of Thrones hat wieder angefangen, jipieh! Alles scheint erleuchtet, die Abende weniger sinnlos, Vorfreude grenzenlos zu sein! GoT ist als Serie ein einziger Schmelztiegel.  So unterschiedliche Menschen feiern diese Serie, man versammelt sich vorm virtuellen Lagerfeuer aus Eis und Feuer.

GoT spielt in einer Welt, in der Gesetze noch Hörensagen sind und Macht mit dem Schwert erlangt wird. Nichts ist fest in dieser Serie, alles ist noch drin, flüssig und machbar. Es würde vollkommen Sinn machen, wenn John Snow ‚auf einmal‘ von der gestaltwandelnden Arya zum Leben erweckt werden würde.

Allerdings zeugt diese Cliffhangertaktik noch von ganz anderen Interessen als narrativen: die krautreporter haben  anhand von The Walking Dead aufgeschrieben, wie man in Staffelpausen Buzz erzeugt: Glenn ist Tod! – Ein paar Folgen später – nein, ist er nicht! Er hat unter einer Mülltonne überlebt. Gerade wenn Serien – wie GoT oder TWD – die narrativ geschickt mit der Willkür des Todes arbeiten, solche PR-Shows abziehen, wird der ‚Zufall‘, das Unvorhergesehene, das wir an ihrer Erzählart schätzen, korrumpiert.

Doch Dinge passieren. Aus unterschiedlichen Gründen: Wenn Menschen handeln und Dinge passieren, spricht man von Intention. Aber auch das ist oft geraten. Wenn Tiere aussterben spricht man von Evolution oder bemüht andere Natur’gesetze’, wenn ein Stein fällt wars die Schwerkraft. Doch wo bleibt der Zufall? Haben wir ihn ausgerottet? Haben unsere Begründungszusammenhänge das eliminiert, was sich jeglicher Begründung entzog? Hat das Narrativ die Tatsache gekillt? Aber auch der Zufall ist ein Zuschreibungsprodukt: Zufälle entstehen erst, wenn sie bemerkt werden. Eine der spannendsten Fragen in der zeitgenössischen Mathematik besteht darin, ob man so etwas wie Zufall herstellen kann. Intuitiv würde man sagen geht nicht, weil es ja dem Prinzip des Zufalls widerspricht: Da er keine Folge von Handlungen ist, kann er auch nicht aus Handlungen erfolgen.

Unfall und Zufall, beide accidents treffen sich nicht nur auf englisch. Letztlich ist es kaum folgerichtig, einen Unfall einen Zufall zu nennen. Ein Unfall ist per definitionem eine Verkettung unglücklicher Umstände, kausal, aber nie intentional erklärbar. Der Zufall dient als Alibi der Planenden und erweckt den Anschein, das Gewebe von Transaktionen und Maßnahmen, in die das Leben verwandelt wurde, lasse für spontane unmittelbare Beziehungen zwischen den Menschen Raum.

Wir sträuben uns gegen die Idee, dass nichts Faktisch sein muss, dass nichts Gegeben ist. Es ist schon komisch, wie unsere säkularisierte Gesellschaft plötzlich dem Gott des Gegebenen huldigt: sicher gibt es strukturelle Zwänge, Ungerechtigkeiten zuhauf, aber die ontologische Determiniertheit, mit der der Zufall und damit die Möglichkeit aus dem Spiel geworfen werden, lässt mich schaudern. Um unsere Kausallogik zu verteidigen, sagen wir ständig „es ist kein Zufall, dass…“ oder „nicht zufällig ist es so…“. Alles muss intendiert, beabsichtigt, gerichtet sein, nichts darf „bloßer Zufall“ sein. Mit dieser Abwertung des Zufalls wird er zu etwas, das zivilisatorisch überwunden gehört. Wenn wir uns anstrengen – so der implizite Glaube – wenn wir alle Naturgesetze entschlüsselt haben, aller Empirie eine Wahrscheinlichkeit unterlegt haben, brauchen wir den Zufall nicht mehr. Er ist nur ein Hilfskonstrukt unserer Unzulänglichkeit, das eingestandene Versagen der Vernunft, eine ungestochene Abstraktionsblase. Dabei ist der Zufall durchaus basisdemokratisch: alle Gleichheit hat ihren Grund in der Gleichheit vor dem Zufall, gezeugt und geboren worden zu sein.

Wenn Zufall, dann aber sowas wie Serendipity, ein glücklicher Fund auf dem Flohmarkt, ein unbeabsichtigter Gedanke oder ein Geschenk, dass ja auch ‚zufällig‘ zu sein hat: Im Gegensatz zu einer beabsichtigten Produktion und Aneignung hat das Gefühl des Beschenktseins eine ästhetische Notwendigkeit im zufälligen Vorfinden. Der Begriff Serendipity geht übrigens zurück auf den englischen Schriftsteller Horace Walpole, der das Wort 1754 in einem Brief auf ein persisches Märchen von drei Prinzen auf Sri Lanka bezog, die eigentlich rein gar nichts suchten und dennoch lauter zufällige Entdeckungen machten. Auf Persisch hieß die Insel seinerzeit „Serendip“.

Katrin Passig zum Beispiel ist eine Art Aktivistin des Zufalls. Auf ihrem Techniktagebuch kann man sich nicht nur einen Zufallsbeitrag anzeigen lassen, sie vertreibt auch T-Shirts mit zufällig ausgesuchtem Spruch drauf, den man aber sieht, bevor das Shirt im Einkaufswagen landet.

Dennoch bleibt es dabei: Die meisten Menschen mißtrauen dem Zufall. Natürlich kann man dem Zufall nicht wirklich vertrauen, da er etwas ist, was als Logik ungelöst oder kalkuliert ist. Interessant dabei: Alles soll allgemeinen Gesetzen gehorchen, nur der Mensch nicht. Seinen freien Willen will er nicht einem Prinzip opfern, dessen Kausalität unzureichend geklärt ist. Und dennoch: Zufällig soll unsere freie Wahl auch nicht sein. Es war Kant, der als Lösung vorschlug, dass es sich bei Willensfreiheit dann eben um das Vermögen handelt, einen Zustand von selbst anzufangen.

Die Norm ist der reproduzierte Zufall: die kleine oder große Differenz, welche der Zufall zwischen Planen und Gelingen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wollen und Bewirken legt. Walter Benjamin hat ein schönes Bild für den Zufall gefunden: Er erzählt von der Lehre des Epikur, dessen alte Götter sich in den Intermundien aufhielten, jenen leeren Räumen zwischen den Welten, wo sie nichts ausrichten konnten. Der Sitz des skeptischen Betrachters – so sagt er – ist in jenen Intermundien der Weltgeschichte, die man Zufall nennt.

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#gelesen:

Ein Artikel von jemandem, der GoT nie sehen wollte. Und es dann doch tat. Pros & Cons auf unnachahmliche New Yorker-Weise

http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/18/the-raw-appeal-of-game-of-thrones