KW 17

von ansich

Über Zufall

Game of Thrones hat wieder angefangen, jipieh! Alles scheint erleuchtet, die Abende weniger sinnlos, Vorfreude grenzenlos zu sein! GoT ist als Serie ein einziger Schmelztiegel.  So unterschiedliche Menschen feiern diese Serie, man versammelt sich vorm virtuellen Lagerfeuer aus Eis und Feuer.

GoT spielt in einer Welt, in der Gesetze noch Hörensagen sind und Macht mit dem Schwert erlangt wird. Nichts ist fest in dieser Serie, alles ist noch drin, flüssig und machbar. Es würde vollkommen Sinn machen, wenn John Snow ‚auf einmal‘ von der gestaltwandelnden Arya zum Leben erweckt werden würde.

Allerdings zeugt diese Cliffhangertaktik noch von ganz anderen Interessen als narrativen: die krautreporter haben  anhand von The Walking Dead aufgeschrieben, wie man in Staffelpausen Buzz erzeugt: Glenn ist Tod! – Ein paar Folgen später – nein, ist er nicht! Er hat unter einer Mülltonne überlebt. Gerade wenn Serien – wie GoT oder TWD – die narrativ geschickt mit der Willkür des Todes arbeiten, solche PR-Shows abziehen, wird der ‚Zufall‘, das Unvorhergesehene, das wir an ihrer Erzählart schätzen, korrumpiert.

Doch Dinge passieren. Aus unterschiedlichen Gründen: Wenn Menschen handeln und Dinge passieren, spricht man von Intention. Aber auch das ist oft geraten. Wenn Tiere aussterben spricht man von Evolution oder bemüht andere Natur’gesetze’, wenn ein Stein fällt wars die Schwerkraft. Doch wo bleibt der Zufall? Haben wir ihn ausgerottet? Haben unsere Begründungszusammenhänge das eliminiert, was sich jeglicher Begründung entzog? Hat das Narrativ die Tatsache gekillt? Aber auch der Zufall ist ein Zuschreibungsprodukt: Zufälle entstehen erst, wenn sie bemerkt werden. Eine der spannendsten Fragen in der zeitgenössischen Mathematik besteht darin, ob man so etwas wie Zufall herstellen kann. Intuitiv würde man sagen geht nicht, weil es ja dem Prinzip des Zufalls widerspricht: Da er keine Folge von Handlungen ist, kann er auch nicht aus Handlungen erfolgen.

Unfall und Zufall, beide accidents treffen sich nicht nur auf englisch. Letztlich ist es kaum folgerichtig, einen Unfall einen Zufall zu nennen. Ein Unfall ist per definitionem eine Verkettung unglücklicher Umstände, kausal, aber nie intentional erklärbar. Der Zufall dient als Alibi der Planenden und erweckt den Anschein, das Gewebe von Transaktionen und Maßnahmen, in die das Leben verwandelt wurde, lasse für spontane unmittelbare Beziehungen zwischen den Menschen Raum.

Wir sträuben uns gegen die Idee, dass nichts Faktisch sein muss, dass nichts Gegeben ist. Es ist schon komisch, wie unsere säkularisierte Gesellschaft plötzlich dem Gott des Gegebenen huldigt: sicher gibt es strukturelle Zwänge, Ungerechtigkeiten zuhauf, aber die ontologische Determiniertheit, mit der der Zufall und damit die Möglichkeit aus dem Spiel geworfen werden, lässt mich schaudern. Um unsere Kausallogik zu verteidigen, sagen wir ständig „es ist kein Zufall, dass…“ oder „nicht zufällig ist es so…“. Alles muss intendiert, beabsichtigt, gerichtet sein, nichts darf „bloßer Zufall“ sein. Mit dieser Abwertung des Zufalls wird er zu etwas, das zivilisatorisch überwunden gehört. Wenn wir uns anstrengen – so der implizite Glaube – wenn wir alle Naturgesetze entschlüsselt haben, aller Empirie eine Wahrscheinlichkeit unterlegt haben, brauchen wir den Zufall nicht mehr. Er ist nur ein Hilfskonstrukt unserer Unzulänglichkeit, das eingestandene Versagen der Vernunft, eine ungestochene Abstraktionsblase. Dabei ist der Zufall durchaus basisdemokratisch: alle Gleichheit hat ihren Grund in der Gleichheit vor dem Zufall, gezeugt und geboren worden zu sein.

Wenn Zufall, dann aber sowas wie Serendipity, ein glücklicher Fund auf dem Flohmarkt, ein unbeabsichtigter Gedanke oder ein Geschenk, dass ja auch ‚zufällig‘ zu sein hat: Im Gegensatz zu einer beabsichtigten Produktion und Aneignung hat das Gefühl des Beschenktseins eine ästhetische Notwendigkeit im zufälligen Vorfinden. Der Begriff Serendipity geht übrigens zurück auf den englischen Schriftsteller Horace Walpole, der das Wort 1754 in einem Brief auf ein persisches Märchen von drei Prinzen auf Sri Lanka bezog, die eigentlich rein gar nichts suchten und dennoch lauter zufällige Entdeckungen machten. Auf Persisch hieß die Insel seinerzeit „Serendip“.

Katrin Passig zum Beispiel ist eine Art Aktivistin des Zufalls. Auf ihrem Techniktagebuch kann man sich nicht nur einen Zufallsbeitrag anzeigen lassen, sie vertreibt auch T-Shirts mit zufällig ausgesuchtem Spruch drauf, den man aber sieht, bevor das Shirt im Einkaufswagen landet.

Dennoch bleibt es dabei: Die meisten Menschen mißtrauen dem Zufall. Natürlich kann man dem Zufall nicht wirklich vertrauen, da er etwas ist, was als Logik ungelöst oder kalkuliert ist. Interessant dabei: Alles soll allgemeinen Gesetzen gehorchen, nur der Mensch nicht. Seinen freien Willen will er nicht einem Prinzip opfern, dessen Kausalität unzureichend geklärt ist. Und dennoch: Zufällig soll unsere freie Wahl auch nicht sein. Es war Kant, der als Lösung vorschlug, dass es sich bei Willensfreiheit dann eben um das Vermögen handelt, einen Zustand von selbst anzufangen.

Die Norm ist der reproduzierte Zufall: die kleine oder große Differenz, welche der Zufall zwischen Planen und Gelingen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wollen und Bewirken legt. Walter Benjamin hat ein schönes Bild für den Zufall gefunden: Er erzählt von der Lehre des Epikur, dessen alte Götter sich in den Intermundien aufhielten, jenen leeren Räumen zwischen den Welten, wo sie nichts ausrichten konnten. Der Sitz des skeptischen Betrachters – so sagt er – ist in jenen Intermundien der Weltgeschichte, die man Zufall nennt.

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#gelesen:

Ein Artikel von jemandem, der GoT nie sehen wollte. Und es dann doch tat. Pros & Cons auf unnachahmliche New Yorker-Weise

http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/18/the-raw-appeal-of-game-of-thrones