KW 20

von ansich

Über Sprache

Begriffe mit Gebrauchsspuren sind Begriffe, die zu oft zu unterschiedlich belastet wurden. Integration zum Beispiel. Abstrakt für alles zu verwenden – vom Deutschkurs bis zum Minarettverbot – und ähnlich oft verwendet, um nicht sichtbar zu machen, ob man jetzt den Deutschkurs oder das Minarettverbot meint. Semantisch indifferent erodiert das Wort das Darstellungsziel und wäre es ein sprachliches Bild, würde man es eine ‚tote Metapher‘ nennen.

In der Mode sind Gebrauchsspuren ein Grund, den Artikel in ‚mäßigem Zustand‘ anzubieten. Doch Begriffe haben eine andere Haltbarkeit. Niemand sagt: zu abgetragen, muss weg. Begriffe werden aufgehoben und verstauben in den Schrankecken unserer Vorstellung, oder werden totgelaufen, bis sie an den Sätzen nur noch in Fetzen hängen. Eingliederung ist aber auch kein schönes Wort, eine Gesellschaft sollte keine Kette sein. Vielleicht ‚Zurechtkommen‘? Zu negativ. Mein Synonymlexikon schlägt noch ‚Einordnung‘, ‚Anschluß‘, ‚Einreihung‘ vor. Naja, vielleicht sind Fremdwörter doch nicht so schlecht.

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Menschen haben gerne Recht. Wie könnte es anders sein: Das Gefühl richtig zu liegen, ist angenehm und wiegt uns in der Sicherheit, dass unser Gehirn noch korrekt funktioniert. Psychologen beschreiben dieses Phänomen als ‚Funktionslust‘. Vielleicht können Diskussionen deshalb so anstrengend sein, vielleicht fällt es deshalb schwer, Fehler einzugestehen: Weil jeder Irrtum das Gefühl zulässt, defekt zu sein.

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Wenn wir etwas beschreiben, entwerten wir es seltsam. Wir entwerten es, weil es nicht repräsentierbar ist, weil Sprache immer Krücke bleibt, weil das Auge nicht korrumpierbar und das Imanigationsvermögen selten objektiv ist.

Beschreibung ist dagegen nie vorurteilslos, so sehr sie auch diesen Anschein in sich tragen mag. Beschreibung ist im selbem Maße normativ wie der Gegenstand sich dem Betrachter entzieht. Demzufolge gilt es, die Beschreibung hinter der Beschreibung zu dechiffrieren. Was sind die Ziele des Subtextes? Wo liegt die Intention, die sich unter der Beschreibung abzeichnet, sichtbar und unsichtbar zugleich als unterbewusste Botschaft, als anachronistische Manipulation?

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Ich habe Wörter entdeckt:

Das erste heisst „yonder“, ein englisches Wort, für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt. Es bezeichnet den Raum zwischen ‚hier‘ und ‚dort‘. Ich dachte zuerst, man könnte es mit ‚jenseits‘ übersetzen, doch ist man immer ‚jenseits VON irgendetwas‘, der Anfangs- oder der Endpunkt werden genannt, eine Exklusion, die bei yonder nicht zulässig ist. Man befindet sich bei yonder auf der Strecke, nicht an einem bestimmten Ort, sondern eher in einem Kontinuum von Möglichkeiten, ähnlich der Elektronenwolke bei Atomen, die auch nur in ihrer Bahn, nicht an ihrem Ort bestimmt werden können. Yonder umschreibt vielleicht nicht nur einen Raum, sondern auch einen Zustand.

Das zweite Wort ist japanisch und heisst wabi“. Ich glaube, wabi ist auch ein Wort, das sich schwer in unsere Sprache übersetzen lässt, da es ein semantisches Feld umschreibt, für das es im Deutschen nur Anreicherungen gibt, additive Reihen von Beschreibungsversuchen. Meine sind folgende: wabi bezeichnet eine Art verhüllte Schönheit, eine Raffiniertheit, die sich den Anschein der Einfachheit und Grobheit gibt, um nicht offensichtlich schön zu sein. Letztlich eine Schönheit, deren Schönheit auch darin besteht, nichts von ihrer Schönheit zu wissen.

I see bedeutet im Deutschen ja auch ich verstehe, nicht ich sehe… Und lucky is not happy. Nur wir scheinen da keinen großen Unterschied zu machen.

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#gelesen:

Rechtspopulisten repräsentieren nicht, sie sind das Volk: Kluge Analyse von Kathrin Röggla: http://monde-diplomatique.de/artikel/!5292360