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arbeit am phantasma

Monat: Juni, 2016

KW 25

Über Ignoranz

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Nun ist er da, der #Brexit. Und auf einmal sind alle reumütig und zerknirscht. Eine Petition der Nichteinverstandenen wird initiiert, Schottland bröckelt und die EU verhält sich wie ein gekränktes Kind… So haben wir das nicht gewollt, sagen sie, wir wussten nicht, was kommt: nach einem halben Tag. Wir wissen auch nicht, was kommt. Für mich steht allenfalls fest, dass Großbritannien nicht aus 52% nationalistischen Idioten besteht, sondern dass die EU als Sammelbecken für viele Unzufriedenheiten diente. Dass sehr verschiedene Partikularinteressen existierten, die man radikalisieren konnte (einen guten Überblick findet man hier). Und dass Cameron letztendlich seinen parteipolitischen Poker nicht nur mit seinem Amt, sondern auch mit der Zukunft des Landes, dem er vorgab zu dienen, bezahlte. Ignorant an dem Ganzen ist, dass es keine wirklich positive Wahlentscheidung geben konnte: Die ‚In‘-Kampagne baute auch auf Angst, drohte damit, was für ökonomische Nachteile ein Brexit haben würde, aber eine positive Vision, europäische Errungenschaften? Nicht vernehmbar.

„Mit der Erweiterung des Blickfelds wird die Welt kleiner“ schrieb Gisèle Freund in Photographie und Gesellschaft. Kleiner, ja, weil sie näher zusammenrückt, aber auch voller. So voll, dass es Menschen gibt, die mit Ignoranz reagieren. Und Ignoranz ist sicher auch ein wahlentscheidendes Moment am Freitag gewesen.
Ignoranz ist keine passive, sondern eine aktive Eigenschaft; sie bezeichnet eine bewusste Abkehr von Wissen, keinen unbewusst Unwissenden. Ignoranz ist ein Filter, der mit voller Absicht dem Filter aufgesetzt wurde, der jeglichen Reiz, jegliche Information siebt: Dem Gehirn.
Unser Gehirn ist nämlich auch ignorant. Wir filtern unglaublich viel, ohne zu wissen, was. Es gibt Menschen, die haben feinere, und Menschen, die haben gröbere Filter. Und feinere Filter heißt weniger Input und größere Ignoranz. Erst das, was durchkommt, kann Bedeutung erlangen, erst dann wird es relevant, bekommt Nachrichtenwert. Diese Filter arbeiten übrigens wirklich nach dem ‚News‘-Prinzip: Neue Reize werden schneller und intensiver transportiert als wiederholte, bereits gekannte Reize. Das Ergebnis solcher neurologischen Abläufe ist das, was z.B. bei emotional aufgeladenen Bildern passiert. Der Betrachter ist es irgendwann leid, zu leiden. Er hört auf damit, wird der Bilder überdrüssig und kann nun das Gezeigte viel leichter ausblenden.

Der Gedächtnisfilter, so schreiben die Forscher, sei vergleichbar mit einem Pförtner: Er sortiert die hereinkommenden Informationen vor und ermöglicht es dem Arbeitsspeicher so, sich nur auf die wesentlichen zu konzentrieren. Gleichzeitig verhindert er, dass nicht benötigte Daten die begrenzten Ressourcen des Gehirns belegen. Aber was unnötig ist oder nicht, ist nicht klar definiert. Allerdings liegt die These nahe, dass in einer übersättigten Informationsgesellschaft Ignoranz deshalb zunimmt, weil der Arbeitsspeicher voll, die Filter verstopft sind. Reduzierte Argumente, ein klar verständliches Welt- und Feindbild, die Beliebtheit rechtspopulistischer Ideen: Vielleicht kein Zufall.

Will man wieder zum Fußgänger der Medien werden? Letztlich kann man Informationen nicht zählen, weil jede Einheit qualitativ ist. Eine unzählbare Menge an Sigularitäten. Wenn man diese Qualität herstellt und die Nachrichten nicht als reine Quantität, als Welle, als Masse wahrnimmt, kann man auch besser damit umgehen.

Schlimmer als Ignoranz aus Überforderung ist aber Ignoranz als Haltung: „Es ist nicht cool, nicht zu wissen, wovon man spricht“ Dieses Zitat ist von Barack Obama überliefert. Er hielt es für notwendig, in einer Abschlussrede eines Colleges darauf hinzuweisen, dass es nicht cool ist, nicht zu wissen, wovon man spricht. Find ich auch nicht cool, aber noch uncooler ist doch die scheinbare Notwendigkeit, Collegeabgänger darüber informieren zu müssen. Die Medien griffen es – sicher nicht unberechtigt – als kaum verschleierte Trump-Kritik auf. Ignoranz als Türsteher der Intoleranz zu denunzieren, ist natürlich weder unzulässig, noch falsch. Was mich wundert, erschreckt und in diesen trumpmultigen Zeiten zusammenzucken lässt, ist, dass der ‚Führer der freien Welt‘ Weisheiten wiederholt, die in Kinderbüchern gelehrt werden. Keine Mauern, wie von Trump als Grenze zu Mexico vorgeschlagen, keine Abschottung angesichts der lokalen Folgen der Globalisierung, sondern Öffnung, Hilfe und Verständnis für ihre Abläufe schlägt er vor:

Das hat nichts damit zu tun, echt zu sein oder Dinge beim Namen zu nennen. Da wird der politischen Korrektheit nicht die Stirn geboten. Das ist schlicht Unwissenheit.

So geht das Zitat weiter. Echt als Gegensatz von Wissen? Really? Als ob unser allerauthentischstes Selbst befleckt wird durch Information, Wissen als feindliche Übernahme des ‚unschuldigen‘ Ichs fungiert. „Dinge beim Namen nennen“ ist auch so ein Euphemismus. Wahrheit ist – falls sie existiert – selten einfach und noch schwieriger auf den Begriff zu bringen, wobei diese Formulierung ja auch Mut und Ignoranz korreliert. Wenn es Mut braucht, um ignorant zu sein, dann nur den zweifelhaft fremdschämenden Impetus, die eigene Dummheit öffentlich zu machen.

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#gelesen:

„Und so dies Leben, eine süße Form der Ignoranz,
Die niemand missen will zunächst, und später,
Wenn sie Routine wird und Konsequenz und Krise,
Ein Rendezvous mit immer neuen zähen Viren,
Braucht es, das durchzustehn, den Virtuosen.“
Durs Grünbein, Parenthese für Optimisten

 

KW 23

Über Wien

Es ist schon sehr plüschig, dieses Wien. So Rot und Gold, samtig und glänzend. Dafür sitzt man in S-Bahnen nicht plastikvollverschalt sondern gepolstert, man kann sogar die Fenster öffnen, nur herauslehnen ist verboten. Und der Zug macht Werbung für den Zug: bald kannst du für wenig Geld in Bratis’lover‘ oder Györ sein (gut, dass es hier kein Wortspiel gab), das kakanische Reich zeigt sich barock vereint und leicht erreichbar. Erreichbar übrigens mit dem Wiesel, so heißt der City Schnellzug, ist auch nen Wiesel drauf, aber in Wien geht’s ja nicht in die City, sondern in die Sieti.

Kinder österreichisch sprechen zu hören ist immer wieder befremdlich. Akustisch klingt diese Sprache nach fugenlos fließender Zeit, einer Zeit, die nichts mehr will, sich nichts mehr anmaßt, eine Zeit, die ihre eigene Gemütlichkeit vertont. Übermittelalte Männer, wie Josef Hader und Harald Krassnitzer, die dürfen österreichisch sprechen, aber Kinder… ich bin dann immer gezwungen, an diese Krankheit zu denken mit der Schnellvergreisung, Progerie.

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Neben dem Tagungsmuseum steht ein Eisenmanm. Mit Rüstung und Helm, sehr groß, sehr martialisch. Doch das Eisen bekommt Punkte, wenn man sich nähert. Es sind Nägel. Eine Tafel gibt Auskunft: diese hölzerne Figur wurde geschaffen, um Ende des ersten Weltkrieges die Witwen und Waisen von gefallenen Soldaten zu unterstützen. Man konnte Nägel kaufen und sie dann einschlagen.

Man reagierte auf den Tod von Menschen, indem man Nägel in eine Puppe schlug. Ist das bereits das Gegenteil einer imitatio christi? Weil man nicht sich selbst annageln lässt, sondern annagelt? Was für eine Art Substitut, was für eine kompensatorische Funktion hat dieser Akt? Eine Konferenzteilnehmerin wusste von diesem ‚Brauch‘ und ergänzte, dass es auch andere benagelte Figuren gab und eine Hierarchie der Nägel: man konnte auch goldene und silberne Nägel spenden. Ich hab ein wenig über diese Kriegsnagelungen recherchiert: Wikipedia nennt als Motivation den

„Drang von Menschen, die nicht mit der Waffe an die Front konnten oder durften, etwas zum Sieg beizutragen“.

Und zwar nicht nur Geld, auch eine Form des Tötens. Der Brauch geht nämlich auf Baumnagelungen zurück, die seit dem Mittelalter eine verbreitete Form der Votivgabe waren. Es wurde ein ‚lebendiger‘ Baum mit Nägeln beschlagen, bis er starb. Hier lässt man ein Stück Holz, den Feind, symbolisch sterben: Gedichte, die anlässlich dieser Nagelungen entstanden, berichten davon:

„Damit wir zerschmettern mit wuchtigem Streich. Die Feinde ringsum. Für Kaiser und Reich.“

Die mittelalterlichen Votivbäume sollten die eigene Krankheit tragen, Leid wurde externalisiert und symbolisch einem Stück Holz zugefügt, dass aber durch diese Form der ‚Rüstung‘ optisch erstarkt und wehrhaft wurde. Der alte Gedanke, dass Schmerzen dich stärker machen, dass Not und Leid auch transformative Kräfte besitzen, wird hier deutlich. Und es ist eine Erweiterung dessen, was wir als Denkmal bezeichnen.

Heute sind Steuern Opferhandlungen, damals gab es Spendenbescheinigungen für die Nägel als nachmittelalterliche Ablaßbriefe.

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#gesehen:

Es war tatsächlich Josef Hader, der Stefan Zweig gespielt hat! Ich war im Kino in Wien, in Vor der Morgenröte, einem Film über Zweigs Jahre im brasilianischen Exil. Ein guter Film, eine Biografie, die sehr reflexiv mit seiner filmischen Behauptung, ein Leben nacherzählen zu können, umgeht. Und ein Film, der Inhalt und Struktur nicht als getrennte Entitäten sieht. Ab den 30er Jahren wird Zweig in kurzen Sequenzen gezeigt, nicht nur persönlich, auch narrativ zerissen. Er, der Pazifist, der es ablehnt, seine Kompetenz als Schriftsteller auf die Politik auszuweiten, die in Deutschland längst nicht mehr ’nur‘ Politik war, wird von ihr nicht in Ruhe gelassen. Er sagt:

„Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“

Und doch wird er bedrängt, sich offensiv gegen das Hitlerregime auszusprechen, Visa zu erbitten für Leute, die er entweder kaum kennt oder noch weniger mag, er fühlt sich instrumentalisiert und gefangen in einem Exil, in dem er jeden Gefallen mit öffentlichen Auftritten erwidern muss, in dem er – in einer Welt in Aufruhr – seine Ruhe vermisst.

Sein humanistisches Weltbild wird sukzessive von den politischen Ereignissen eingeholt, bald wird es keine Ruhe mehr geben, oder nur noch die Letzte. Stefan Zweig tötet sich am Ende des Films und das, was diesen Film strukturell auszeichnet, ist die fehlende Erklärung des Freitods. Die sechs Sequenzen, die Zweigs Leben im Exil zeigen, erklären nicht, sind allenfalls Skizzen, Restlichtverstärker einer Wahrheit, die wir nie kennen werden. Die nicht erkennbar ist. Wie Zweig, der sich weigerte, Aussagen über ein Land zu machen, das er seit Jahren nicht gesehen hat, verweigert auch die Regisseurin uns jegliche Erklärung. Oder lässt sie nur in der eigenen Imagination zu. Wie hat Hannah Arendt einst über die Erweiterung des Denkens gesagt:

„Man muss die Einbildungskraft lehren, Besuche zu machen.“

Ich würde ergänzen: Und auch Besuche zu empfangen.

Trailer:

KW 22

Suade

Wir schreien nicht. Wir haben weder Worte noch Leidenschaft, wir, die wir im Säurebad der Ironie großgezogen worden. Relativismus ist in unserer Wertegemeinschaft ein Bodensatz, der sich nie löst, sondern immer weiter und wieder aufgegossen wird.

Wir äußern uns nur in Szenen, Beobachtungen, Segmenten, Stücken, Sammelsurien unserer Wahrnehmung, die öffentlich werden müssen. Einfach veröffentlicht. Wo auch immer, an wen auch immer. Hineingekippt in das Grab des unbekannten Zuschauers, in myspace, youtube, facebook. Das ist dann jener narrative Kitt, mit dem sich Identitäten mauern lassen. Ich habe ein Profil, also bin ich.

Begründungen, Emphasen, Leidenschaften kennen wir lediglich in Klammern, in Konjunktiven, in den letzten Begründungen unserer Ausfallschritte. Doch jene Ausfallschritte werden immer kleiner, kalkulierter, unbeobachtbarer. Wie auch, und wann? Was bäumt sich noch auf, was wehrt sich noch, was agitiert? Doch bedauernswerter als gesellschaftliche Lethargie ist private. Was macht noch Sinn, was fühlt sich an? Unsere Spatzenhirne lassen es nicht zu, der Verbindlichkeit ihre Versprechen abzukaufen. Sie steht an der Straßenecke mit dem Wachturm in der Hand und darf uns nicht ansprechen.

Aber dennoch spüren wir im Vorbeigehen ihre stummen Schreie, einer, der deutlichste, lautet: Reduktion. Konzentration. Und nicht reduktionistische Konzentriertheit als Formprinzip, als Stilphrase von Gewolltem. Sondern einfach so. Zuhause bleiben. Aber nicht zuhause bleiben in einem Prospekt von AD, wo man sich als imaginierte Werbetafel aufs Sofa drapiert. Einfach zuhause bleiben. Ruhe. Aber selbst Ruhe ist gelabelt, man muss sich entscheiden, buddhistische Zen-Meditation oder aber Entspannungsmusik mir Entspannungstee und Entspannungsräucherstäbchen, im Set.

Und Konzentration? Ich konzentriere mich nun auf meine Nasolobialfalte und versuche die Augencreme mit klopfenden Fingern so in die Faltenhaut ‚einzuarbeiten’, dass sie entgegen die Wuchsrichtung der Falte eindringt.