KW 22

von ansich

Suade

Wir schreien nicht. Wir haben weder Worte noch Leidenschaft, wir, die wir im Säurebad der Ironie großgezogen worden. Relativismus ist in unserer Wertegemeinschaft ein Bodensatz, der sich nie löst, sondern immer weiter und wieder aufgegossen wird.

Wir äußern uns nur in Szenen, Beobachtungen, Segmenten, Stücken, Sammelsurien unserer Wahrnehmung, die öffentlich werden müssen. Einfach veröffentlicht. Wo auch immer, an wen auch immer. Hineingekippt in das Grab des unbekannten Zuschauers, in myspace, youtube, facebook. Das ist dann jener narrative Kitt, mit dem sich Identitäten mauern lassen. Ich habe ein Profil, also bin ich.

Begründungen, Emphasen, Leidenschaften kennen wir lediglich in Klammern, in Konjunktiven, in den letzten Begründungen unserer Ausfallschritte. Doch jene Ausfallschritte werden immer kleiner, kalkulierter, unbeobachtbarer. Wie auch, und wann? Was bäumt sich noch auf, was wehrt sich noch, was agitiert? Doch bedauernswerter als gesellschaftliche Lethargie ist private. Was macht noch Sinn, was fühlt sich an? Unsere Spatzenhirne lassen es nicht zu, der Verbindlichkeit ihre Versprechen abzukaufen. Sie steht an der Straßenecke mit dem Wachturm in der Hand und darf uns nicht ansprechen.

Aber dennoch spüren wir im Vorbeigehen ihre stummen Schreie, einer, der deutlichste, lautet: Reduktion. Konzentration. Und nicht reduktionistische Konzentriertheit als Formprinzip, als Stilphrase von Gewolltem. Sondern einfach so. Zuhause bleiben. Aber nicht zuhause bleiben in einem Prospekt von AD, wo man sich als imaginierte Werbetafel aufs Sofa drapiert. Einfach zuhause bleiben. Ruhe. Aber selbst Ruhe ist gelabelt, man muss sich entscheiden, buddhistische Zen-Meditation oder aber Entspannungsmusik mir Entspannungstee und Entspannungsräucherstäbchen, im Set.

Und Konzentration? Ich konzentriere mich nun auf meine Nasolobialfalte und versuche die Augencreme mit klopfenden Fingern so in die Faltenhaut ‚einzuarbeiten’, dass sie entgegen die Wuchsrichtung der Falte eindringt.