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arbeit am phantasma

Kategorie: #fear

KW 25

Über Ignoranz

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Nun ist er da, der #Brexit. Und auf einmal sind alle reumütig und zerknirscht. Eine Petition der Nichteinverstandenen wird initiiert, Schottland bröckelt und die EU verhält sich wie ein gekränktes Kind… So haben wir das nicht gewollt, sagen sie, wir wussten nicht, was kommt: nach einem halben Tag. Wir wissen auch nicht, was kommt. Für mich steht allenfalls fest, dass Großbritannien nicht aus 52% nationalistischen Idioten besteht, sondern dass die EU als Sammelbecken für viele Unzufriedenheiten diente. Dass sehr verschiedene Partikularinteressen existierten, die man radikalisieren konnte (einen guten Überblick findet man hier). Und dass Cameron letztendlich seinen parteipolitischen Poker nicht nur mit seinem Amt, sondern auch mit der Zukunft des Landes, dem er vorgab zu dienen, bezahlte. Ignorant an dem Ganzen ist, dass es keine wirklich positive Wahlentscheidung geben konnte: Die ‚In‘-Kampagne baute auch auf Angst, drohte damit, was für ökonomische Nachteile ein Brexit haben würde, aber eine positive Vision, europäische Errungenschaften? Nicht vernehmbar.

„Mit der Erweiterung des Blickfelds wird die Welt kleiner“ schrieb Gisèle Freund in Photographie und Gesellschaft. Kleiner, ja, weil sie näher zusammenrückt, aber auch voller. So voll, dass es Menschen gibt, die mit Ignoranz reagieren. Und Ignoranz ist sicher auch ein wahlentscheidendes Moment am Freitag gewesen.
Ignoranz ist keine passive, sondern eine aktive Eigenschaft; sie bezeichnet eine bewusste Abkehr von Wissen, keinen unbewusst Unwissenden. Ignoranz ist ein Filter, der mit voller Absicht dem Filter aufgesetzt wurde, der jeglichen Reiz, jegliche Information siebt: Dem Gehirn.
Unser Gehirn ist nämlich auch ignorant. Wir filtern unglaublich viel, ohne zu wissen, was. Es gibt Menschen, die haben feinere, und Menschen, die haben gröbere Filter. Und feinere Filter heißt weniger Input und größere Ignoranz. Erst das, was durchkommt, kann Bedeutung erlangen, erst dann wird es relevant, bekommt Nachrichtenwert. Diese Filter arbeiten übrigens wirklich nach dem ‚News‘-Prinzip: Neue Reize werden schneller und intensiver transportiert als wiederholte, bereits gekannte Reize. Das Ergebnis solcher neurologischen Abläufe ist das, was z.B. bei emotional aufgeladenen Bildern passiert. Der Betrachter ist es irgendwann leid, zu leiden. Er hört auf damit, wird der Bilder überdrüssig und kann nun das Gezeigte viel leichter ausblenden.

Der Gedächtnisfilter, so schreiben die Forscher, sei vergleichbar mit einem Pförtner: Er sortiert die hereinkommenden Informationen vor und ermöglicht es dem Arbeitsspeicher so, sich nur auf die wesentlichen zu konzentrieren. Gleichzeitig verhindert er, dass nicht benötigte Daten die begrenzten Ressourcen des Gehirns belegen. Aber was unnötig ist oder nicht, ist nicht klar definiert. Allerdings liegt die These nahe, dass in einer übersättigten Informationsgesellschaft Ignoranz deshalb zunimmt, weil der Arbeitsspeicher voll, die Filter verstopft sind. Reduzierte Argumente, ein klar verständliches Welt- und Feindbild, die Beliebtheit rechtspopulistischer Ideen: Vielleicht kein Zufall.

Will man wieder zum Fußgänger der Medien werden? Letztlich kann man Informationen nicht zählen, weil jede Einheit qualitativ ist. Eine unzählbare Menge an Sigularitäten. Wenn man diese Qualität herstellt und die Nachrichten nicht als reine Quantität, als Welle, als Masse wahrnimmt, kann man auch besser damit umgehen.

Schlimmer als Ignoranz aus Überforderung ist aber Ignoranz als Haltung: „Es ist nicht cool, nicht zu wissen, wovon man spricht“ Dieses Zitat ist von Barack Obama überliefert. Er hielt es für notwendig, in einer Abschlussrede eines Colleges darauf hinzuweisen, dass es nicht cool ist, nicht zu wissen, wovon man spricht. Find ich auch nicht cool, aber noch uncooler ist doch die scheinbare Notwendigkeit, Collegeabgänger darüber informieren zu müssen. Die Medien griffen es – sicher nicht unberechtigt – als kaum verschleierte Trump-Kritik auf. Ignoranz als Türsteher der Intoleranz zu denunzieren, ist natürlich weder unzulässig, noch falsch. Was mich wundert, erschreckt und in diesen trumpmultigen Zeiten zusammenzucken lässt, ist, dass der ‚Führer der freien Welt‘ Weisheiten wiederholt, die in Kinderbüchern gelehrt werden. Keine Mauern, wie von Trump als Grenze zu Mexico vorgeschlagen, keine Abschottung angesichts der lokalen Folgen der Globalisierung, sondern Öffnung, Hilfe und Verständnis für ihre Abläufe schlägt er vor:

Das hat nichts damit zu tun, echt zu sein oder Dinge beim Namen zu nennen. Da wird der politischen Korrektheit nicht die Stirn geboten. Das ist schlicht Unwissenheit.

So geht das Zitat weiter. Echt als Gegensatz von Wissen? Really? Als ob unser allerauthentischstes Selbst befleckt wird durch Information, Wissen als feindliche Übernahme des ‚unschuldigen‘ Ichs fungiert. „Dinge beim Namen nennen“ ist auch so ein Euphemismus. Wahrheit ist – falls sie existiert – selten einfach und noch schwieriger auf den Begriff zu bringen, wobei diese Formulierung ja auch Mut und Ignoranz korreliert. Wenn es Mut braucht, um ignorant zu sein, dann nur den zweifelhaft fremdschämenden Impetus, die eigene Dummheit öffentlich zu machen.

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#gelesen:

„Und so dies Leben, eine süße Form der Ignoranz,
Die niemand missen will zunächst, und später,
Wenn sie Routine wird und Konsequenz und Krise,
Ein Rendezvous mit immer neuen zähen Viren,
Braucht es, das durchzustehn, den Virtuosen.“
Durs Grünbein, Parenthese für Optimisten

 

KW 22

Suade

Wir schreien nicht. Wir haben weder Worte noch Leidenschaft, wir, die wir im Säurebad der Ironie großgezogen worden. Relativismus ist in unserer Wertegemeinschaft ein Bodensatz, der sich nie löst, sondern immer weiter und wieder aufgegossen wird.

Wir äußern uns nur in Szenen, Beobachtungen, Segmenten, Stücken, Sammelsurien unserer Wahrnehmung, die öffentlich werden müssen. Einfach veröffentlicht. Wo auch immer, an wen auch immer. Hineingekippt in das Grab des unbekannten Zuschauers, in myspace, youtube, facebook. Das ist dann jener narrative Kitt, mit dem sich Identitäten mauern lassen. Ich habe ein Profil, also bin ich.

Begründungen, Emphasen, Leidenschaften kennen wir lediglich in Klammern, in Konjunktiven, in den letzten Begründungen unserer Ausfallschritte. Doch jene Ausfallschritte werden immer kleiner, kalkulierter, unbeobachtbarer. Wie auch, und wann? Was bäumt sich noch auf, was wehrt sich noch, was agitiert? Doch bedauernswerter als gesellschaftliche Lethargie ist private. Was macht noch Sinn, was fühlt sich an? Unsere Spatzenhirne lassen es nicht zu, der Verbindlichkeit ihre Versprechen abzukaufen. Sie steht an der Straßenecke mit dem Wachturm in der Hand und darf uns nicht ansprechen.

Aber dennoch spüren wir im Vorbeigehen ihre stummen Schreie, einer, der deutlichste, lautet: Reduktion. Konzentration. Und nicht reduktionistische Konzentriertheit als Formprinzip, als Stilphrase von Gewolltem. Sondern einfach so. Zuhause bleiben. Aber nicht zuhause bleiben in einem Prospekt von AD, wo man sich als imaginierte Werbetafel aufs Sofa drapiert. Einfach zuhause bleiben. Ruhe. Aber selbst Ruhe ist gelabelt, man muss sich entscheiden, buddhistische Zen-Meditation oder aber Entspannungsmusik mir Entspannungstee und Entspannungsräucherstäbchen, im Set.

Und Konzentration? Ich konzentriere mich nun auf meine Nasolobialfalte und versuche die Augencreme mit klopfenden Fingern so in die Faltenhaut ‚einzuarbeiten’, dass sie entgegen die Wuchsrichtung der Falte eindringt.

KW 19

Über Rom

Wer ohne Selfiestick aus Rom zurückkehrt, ist nicht in Rom gewesen. Vielleicht kann man Städte daran erkennen, was fliegende Händler Touristen anbieten. Hier: Überall Selfiesticks, die bei Regen blitzschnell gegen Schirme getauscht werden. Rom muss also eine Stadt der Hintergründe, der Kulissen sein. Und das ist sie zweifelsfrei: Kaum eine Ecke, die sich nicht als Rückwand eignet, die dich wahlweise einschreibt in Prachtausübungen antiker oder barocker Geschichte.

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Aber erstmal: Pendler. Pendler sind überall und überall müde. Und müde Menschen handeln ökonomisch. Stellen sich eng an die Bahntüren, links und rechts einen Spalt für Aussteigende bereitstellend. In Gruppen hintereinander, die nur durch ihre leichte Asynchronität erkennen lassen, wie früh es ist. Ihr Gang, seine Zielgerichtetheit und schleppende Eleganz gleicht einem Ritual, einem kollektiven Schlafwandeln. Man findet seinen Platz intuitiv, fast ohne die Augen mehr als einen Spalt öffnen zu müssen. Am Düsseldorfer Flughafen gibt es metallbeschlagene Bodenfliesen vor den Türen des Shuttlezuges. Dort stehen sie, in Gruppen von fünf, die Markierung nicht überschreitend.

Und: es ist immer ruhig in Pendlerzügen. Konfrontiert mit der schweren Stille von vertriebenem Schlaf wird jedes Gespräch, jedes Telefonat schleppender und verstummt irgendwann. Dieser Verhaltenskodex ist geprägt von einem Nebel aus Müdigkeit, der jeden Einsteigenden umgibt. Erst bei der Arbeit, erst im Büro musst du wach sein. Bis dahin Dämmerung.

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Wir stehen auf dem Palatin, der ersten Siedlung Roms. Die Siedlungsspuren auf dem Hügel reichen zurück bis in die mittlere Steinzeit (100.000-35.000 v. Chr.), und seit dem 9. Jahrhundert hatten sich Menschen hier dauerhaft niedergelassen. Damit ist der Palatin Quelle und Zeuge des zivilisatorischen Motors schlechthin: Der Sesshaftigkeit. Der Moment, in dem der Mensch sich niederlässt, Ackerbau betreibt und mehr Kinder kriegen kann. Der Moment, an dem Felder bestellt und fruchtbar werden, Tiere gehalten und verwertet, Häuser gebaut und bewirtschaftet werden müssen. Die Sesshaftigkeit gilt nicht nur in der Archäologie als der Innovationsantrieb schlechthin, als der Moment, in dem die Welt nicht nur gepflückt, sondern genutzt wurde, in dem der Mensch nicht nur alles auf der Erde sammelte und erlegte, sondern in sie eingriff, Brunnen anlegte, Erde umgrub, Städte baute und sie ummauerte.

Wenn Sesshaftigkeit nicht nur ein Begriff, sondern ein Selbstverständnis ist, macht es Sinn, dass immer wieder Völker verfolgt wurden, die nicht sesshaft waren. Denn Nichtsesshaftigkeit, Nomadentum macht den Sesshaften Angst. Angst auch deshalb, weil die Wandernden nicht zu orten, nicht einzuschätzen sind. Und nicht zählbar. Wann, wo und ob sie eine Gefahr darstellen, kann man nicht wissen und nur schwer in Erfahrung bringen. Diese alte Angst scheint heute wieder da zu sein. Geflüchtete haben ähnliche Merkmale: schwierige Verortung, schlecht erfassbar und zählbar, als Gruppe heterogen. Und das alles innerhalb unserer Stadtmauern. Sesshaftigkeit hat vielleicht unsere Triebe gezähmt, aber nicht unsere Ängste.

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Was man altersgerechte Kleidung nennt, scheint es hier nicht zu geben. Omas sind nicht beige in Rom. Eher bunt. Und Jeans kann man mit 80 ebenfalls tragen. Auch Kälte ist relativ. Es waren 20 Grad, Touristen hatten T-Shirts, Römer Daunenjacken an. Ich habe das schon in anderen südlichen Ländern beobachtet und ich bin mir sicher, es hat nicht nur damit zu tun, dass 20 Grad in Rom tatsächlich als kälter empfunden werden. Es ist auch das Modeempfinden, dass es den Römern unmöglich macht, nur eine Saison zu tragen. Wann kann man denn die schönen Jackenmodelle, Steppwesten und Stiefelformen anziehen, wenn nicht bei 20 Grad im Mai?

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Wir fahren raus aus Rom. Hochhäuserstapel, wie so oft. Siebzig Wohnungen und mehr über- und nebeneinander. Hier fällt auf: fast jeder Balkon ist bepflanzt. Man hofft auf 50 Rosmarinkübel senkrecht und 30 Oreganokübel waagerecht. Auf den Dächern Stachel aus Fernsehantennen, für jede Wohnung eine. Wenn jede Stadt ihre Hochhäuser ebenso einzigartig machen wie ihre fliegenden Händler, hat Rom einen Speckgürtel, der grün und stachelig ist. Gesäumt mit Pinien.

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#gesehen:
„Du musst zum Vater!“ „Du musst zur Mutter!“ „Nein, zum Vater!“

Ein Mädchen, nicht gewollt, nur mit eigenem Willen ausgestattet. Ihre einzige Hilfe: Ihre Katze.

 

#gesehen:

Auf meinem Handy kann ich zeichnen. Hier: Der Petersplatz mit Obelisk und Brunnen. Fast wie Winckelmann.

2016-05-16 18.29.03

KW 13

Über Hüllen

Letztens saß ich auf einer Couch, aber nicht direkt auf der Couch, sondern auf einer Decke, die über ihr lag. Links und Rechts von mir saßen Kissen und Kuscheltiere. Meine Füße standen auf Teppichboden, auf dem Teppich lag und ich blickte aus einem Fenster, aus dem man nicht blicken konnte: Kniend an der Fensterbank hätte ich hocken müssen, um etwas vom Draußen reinzubekommen, zwei Lagen Gardinen und ein Rollo stoppten mich. Unnötig zu erwähnen, dass auch die Wände doppelt und dreifach waren: Wand,  Mustertapete, Bild, oder auch etwas anderes, was man in den Dekoabteilungen von Kaufhäusern findet. Motivisch war alles hübsch, friedlich, harmonisch, in etwa so.

Man sah Natur in gut, Fotos in der ausgehöhlten Logik von Werbeanzeigen, eine Natur, die jeglicher Lehnstuhlexkursion eine sichere Rückkehr garantiert. Alles was stand, hatte eine Hülle: der Tisch eine Decke, der Stuhl eine Husse. Jede Hülle machte mich ein wenig ratloser und ich fragte mich, was diese Hüllen sollten. Bis ich ahnte: Die Hüllen sind Haut. Und je mehr Hüllen, desto dicker die Haut, desto sicherer der Körper, desto mehr Schutz vor dem Außen.

Man baut sich ein; wie im Film ‚Home‘ von Ursula Meier, wo eine Familie, deren Eigenheim an eine Autobahn grenzt, beginnt, sich schallzuisolieren: Am Ende werden auch die Fenster zugemauert.

Die engen, immer gleichen, überladenen Zimmer ließen mich daran denken, was Anthropologen ‚materielle Kultur’ nennen: Wie Menschen sich kleiden, die Objekte, die sie an ihren Wänden hängen haben oder die sich auf ihren Tischen stapeln. Denn diese Art von Mimikry bietet Schutz. Als Kulturtechnik des sozialen Zusammenhalts, als Form, Eigenes von Fremden zu scheiden, sind die Menschen und die Räume zusammengewachsen, eine Einheit, ein Begründungszusammenhang geworden.

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In der Bahn, wenig später: Ganz viel mobiles Device, aber auch: ganz viel Schutz: Ich sah eine Vielzahl von Hüllen, geblümter deckenartiger Schutz, aber auch hartverschalte Maxicosis für die Tablets um mich rum. Bauen Apple und alle anderen absichtlich Dinge, die man beschützen muss, die ganz schnell verschleißen, wenn man sie ungeschützt lässt? Warum? Damit man sie wie Babys behandelt, die man bewahren muss oder wie Geschenke, die man auspacken kann?
Vielleicht ja auch beides: das hätte nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen psychologischen Effekt, da man als Erstes, wenn man ein solches Gerät kauft, in seinen Schutz investieren muss, sicherstellen muss, dass es ihm gut geht. Auch mein mobiles Device hat einen Schutz. Naja, eigentlich zwei: Winter- und Sommerbekleidung.

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Wie bei meiner Begegnung mit dem belegten Wohnzimmer liegt das Bizarre nicht in der Fremdheit der Dinge, sondern in ihrer Vertrautheit.

Es gibt einen Roman von 1884, dessen Protagonist ein „anämischer Adeliger“ ist, der diesen Zustand schön versinnbildlicht: Seine Wohnung ist voller die Kunstdrucke von Moreau und Redon – die Wasserfälle des 19. Jahrhunderts –, er zieht sich immer mehr aus der Welt zurück, reist nur noch mit Bildern und Büchern. Joris-Karl Huysmans, der Autor, sagt von ihm:

 

„Fortbewegung kam ihm ohnedies überflüssig vor, die Vorstellungskraft schien ihm leicht die vulgäre Realität der Tatsachen ersetzen zu können.“

Joris-Karl Huysmans, Gegen den Strich, München 1995, S. 31.

 

KW 11

Über Angst

Auf Wahlsonntag folgte Wahlmontag & Dienstag & Mittwoch und jeder redete über die neue Partei, die es ’so richtig‘ erst ab dieser Woche  gibt. Auch ich war Sonntag fassungslos und Montag versuchte ich mich schon in Analysen. Gleichzeitig las ich das unratifizierte Parteiprogramm der AfD, das Correctiv recherchiert hatte. Meine Fassungslosigkeit nahm zu.

Lisa Rank schrieb:

Ich will nichts mehr von diesen “Ängsten” lesen, denn die wahllose Verwendung des Wortes, auch von den Medien, bagatellisiert die von Rechtsextremisten aus diesem Gefühl gezogenen Konsequenzen, und das halte ich für falsch. Man kann sich immer entscheiden.

Man kann aus oder gegen die Angst handeln. Man kann sich entscheiden. Am Wochenende wurde aus Angst gewählt, in einer Gesellschaft, die viele existentielle Ängste gar nicht mehr kennt. Aber Angst ist auch eine anthropologische Konstante und sie wird immer da sein, in saturierten Gesellschaften entzündet sie sich aber an anderen Dingen: Gluten zum Beispiel (Lieblingsheadline: „Wenn das Brötchen Verwirrung stiftet“). Oder Geflüchteten. Wenn Kinder Monster unter dem Bett vermuten steht in jedem Erziehungsratgeber, dass man zusammen mit dem Kind nachsehen soll, ob sie wirklich da sind (es gibt aber auch Monsterspray). Wie würde das AfD-bezogen aussehen?

Was man nicht vergessen darf: Angst essen Seele auf. Das wusste schon Rainer Werner Fassbinder. Aber essen ist nicht gleich essen. Und Angst nicht gleich Angst. Sie kann nagen, knabbern, beißen. Angst schluckt, würgt und vereist. Und es gibt imaginäre und konkrete Ängste, Objektängste und „Ängste am Phantasma“.
Eins ist vielen Ängsten gemeinsam: sie arretiert, stellt fest, macht unbeweglich. Die Fluchtalternative ist unpopulär geworden, lieber zieht man sich zurück, wählt rechts und schränkt sich ein.
Und Ängste sind manchmal auch so klein, dass man sie kaum erkennt: wenn man im Restaurant ausschließlich Gerichte bestellt, die man kennt. Wenn man sein Kind immer im Augenwinkel hat. Wenn man verreist, ohne zu reisen, sondern sich nur in bekannte Kettenbetten mit allinclusive legt. Auch dann hat man Angst.
Man nennt es vielleicht Bequemlichkeit und ich bin auch ein großer Fan dieses Zustandes. Aber kann ein angenehmer Zustand, eine berechenbare Zukunftsperspektive – und sei es nur ein Frühstücksritual – die Angst bannen?

Kurzfristig, ja, aber institutionalisieren wir in unseren Vermeidungsstrategien nicht auch das, was wir vermeiden wollen? Lässt Angst sich wegbuchen? Die eben genannten Bequemlichkeitsphänomene haben ganz wesentlich mit Kontrolle zu tun. Einer Kontrolle, die uns von der Angst genommen wird. Wir haben natürlich keine Kontrolle, aber wir brauchen das Gefühl, sie zu haben. Menschen die immer nur zurück wollen legen die Zukunft in Fesseln. Und wenn wir Kontrolle wollen, werden wir zu Opfern, zu Aktivisten der Angst, denn:

Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit. Es immunisiert gegen jegliche Kritik. Der Mensch, der sich als Opfer versteht, hält sich fern von der schmutzigen Geschichte der Macht, er wünscht nicht, an ihr Teil zu haben. Und will dies als Unschuld verstanden wissen. Das ist Erpressung. (…)

Weil unsere Gegenwart von Subjektivität und Gefühlen durchtränkt ist, gibt es massenhaft imaginäre Opfer. Wer die gefühlte Unschuld und Wahrheit auf seine Seite bringt, wer sich als verletzt zeigt uns seine Geschichte erzählen will, der macht das Rennen, der hat die Macht.

Man kann von Daniele Gigliolis Buch Die Opferfalle sehr viel über das heutige Deutschland lernen.