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Kategorie: #gehört

KW 15

Über Familientreffen

 

„Wenn ein Mitglied der Familie sich die Haare färben lässt,
mag das in der Familie Aufsehen erregen. Aber es wäre
doch unrealistisch, anzunehmen, daß die Familienmitglieder
dies deshalb beachten, weil die Familie gefärbt worden ist.“
Niklas Luhmann, Sozialsystem Familie.

„Magst a Stück Zeit“ sagt er und teilt sich mit ihr die Zeitung. Ich sitze in einem Zug aus Leipzig. Dort war die letzen Tage ein Familientreffen von S. Man hätte da auch gerne noch Zeit gehabt, eine andere Zeit, anders gruppiert und anders organisiert: Ankommzeit, Kennlernzeit, Zweierzeit… vielleicht 6 x 2 Stunden, wie letztes Jahr, als sich die Familien von 400 Süd- und Nordkoreanern trafen.

Hatte man aber nicht. 13 Personen unterschiedlichen Alters und Verwandtschaftsgrades saßen also drei Tage lang zusammen und versuchten, den kleinsten gemeinsamen Konversationsnenner zu finden: Bier ging gut und Autos gingen gut, Fußball sowieso und Wetterapps waren auch sehr beliebt. Wohl auch, weil sich das weitere Programm danach ausrichtete. Nur nach Sichtung von vier verschiedenen Apps konnte der durchs Fenster scheinenden Sonne endlich vertraut werden. Dann ging man los.

Kleine gemeinsame Konversationsnenner gibt es sicher in jeder Familie und ich wage die These: es sagt etwas über die soziale Selbsteinschätzung der Familie aus, wenn man diesen Gesprächen zuhört.
In meinem Fall schienen es Menschen gewesen zu sein, die – trotz hart erarbeiteten kleinen Wohlstands – stolz „auf dem Boden geblieben sind“. Sie lebten größtenteils bürgerlich, waren gutgelaunt und mochten keine intellektuellen Aufschneider. Ein wenig inwendig schien alles: Kleine Männer und Frauen, die sich in einen großen, etwas schweren Körper zurückgezogen haben.

Man problematisierte Hotelketten und sprach über Comfortzimmer bei Mercure, die kleiner und schlechter equipped seien als NH Hotels und ließ Frühstücke miteinander konkurrieren. Man zimmerte an einem Selbstbild, dass nie aus Arbeit, sondern aus Rügen bestand, oder aus Italien, jedenfalls aus Urlaub. Das, was erzählbar war, war nicht das, was man jeden Tag machte, sondern das, was man nur einmal im Jahr tat. Die kleinen Fluchten, die – weil viel zu kurz – kommunikativ aufbereitet und wiederholt werden mussten.

Man fand sich in Referenz auf die Vergangenheit und der erste Abend war davon geprägt, alte Wissensbestände auf ihre Aktualität hin abzuklopfen: S., der es einmal gewagt hatte, bei einem anderen Treffen nach 12 Uhr draußen gewesen zu sein, war in der Wahrnehmung der meistem immer noch der enthemmte Teenager, die personifizierte jugendliche Übermut, dem nun jedes Bier anekdotenhaft vorgehalten wurde. Da es nur zwei waren, musste die Folie angepasst werden. Fortan wurde alles kommentiert, was seinen Teller fand, da er ebenfalls gerne und gut isst.

Nach drei Tagen hatte ich das Gefühl, es gibt – zumindest für Außenstehende – zwei Kommunikaionsstrategien für Familientreffen: Anekdotensammeln und Legendenbildung. Erst wird versucht, alles zur Anekdote zu machen, den Mensch auf seine Erzählbarkeit zu reduzieren und dann wird die Anekdote so lange geprobt, wiederholt und aufgeführt, dass sie beim nächsten Mal zur Legende reicht. Es herrschte über alldem eine herrlich leere Sorte Frieden. Man feierte Familie als Klammer vor der Welt, als Hort und Rückzugsraum vor der Unbill des Alltags.

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#gelesen:

http://dummy-magazin.de/issues/50-idioten/articles/941

 

#gehört:

KW 14

Über Entscheidungen

Wenn man sich entscheiden muss, ist es ja selten so, dass man wirklich an einem Weg steht, der sich gabelt und man nur einen Fuß vor den anderen setzen müsste.
Was man verhandelt, was man abwägt und überlegt, sind Vorstellungen, Projektionen, ‚was wäre wenn…‘-Gedanken. Die Stimmungen sind klein und unverbunden. Oft bekommt man den Rat, in sich reinzuhorchen, genau auf seinen Bauch zu achten… Meine Erkenntnis daraus: er ist zu rund und reden tut er nur, wenn er Hunger hat.

Aus allem wird so ein Märchenwald, alles wird aufgeladen und subjektiviert und in dein Inneres verlagert, dabei ist mein Inneres schon ganz schön vollgestellt. Ich weiss, dass das innere Auskundschaften eine Metapher sein sollen, doch für was?
Was soll man tun, wenn sich nichts irgendwie ‚anfühlt‘ und du dir keine Plus- und Minuslisten machen kannst, weil sich nicht alles in Plus und Minus unterscheiden lässt? Gucken, was kommt, wenn man sich entschieden hat? Das wäre salomonisch, birgt aber die Gefahr der Irreversibilität. Manchmal kann man nämlich nicht hinter die Entscheidung zurück, wenn sie sich als falsch herausstellt.

Deswegen kopiert man Entscheidungen und die Vergangenheit wird noch ein Stück weit verlängert. Man weiss, dass es schon mal so gelaufen und gut gegangen ist, nicht notwendigerweise bei einem selbst, sondern bei anderen.

„Die Kopie ist die höchste Form der Orientierung am Bestehenden und zugleich ein Offenbarungseid, ja «der Tod», wie es da Vinci ausdrückte. Jede Kopie ist eine Kapitulation vor der Autorität des Anerkannten.“

Milosz Matuschek, Generation Fake: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/generation-y-generation-fake-ld.10863

Es ist die alte Sehnsucht nach dem Leben anderer Menschen. Ein Ausfallschritt, man wird das, was im Englischen gerne mit „excellent sheep“ umschrieben wird. Stabilität wird versprochen, aber nicht gehalten, weil sich Entscheidungen eben nicht in ihren Konsequenzen kopieren lassen.

Gestern war ich in einem Film. Colin Farrell musste ein Tier wählen, in das er verwandelt werden würde, wenn er die Liebe nicht in 45 Tagen findet. Er wollte ein Hummer sein. Er wollte, so die Selbstauskunft, im Meer leben und 100 Jahre alt werden, von blauem Blut und immer noch fruchtbar sein. In einer Szene wirft ihm Ben Whishaw diese Wahl vor: Hummer sind überfischt, kaum mehr zu kriegen, du wirst keine 100 Jahre, du bist eine Delikatesse (ich paraphrasiere hier ein wenig). S., mit dem ich im Kino war, wollte übrigens ein Elefant sein. Aus den üblichen Gründen.

Wenn wir uns entscheiden, kommen immer einförmige Flächen, Ausdehnungen, an denen wir notwendig kleben, solange sie dauern. Wir nuckeln die Milch dieser Pausen, bis sie vorbei sind und wir weitermüssen.

Entscheiden ist immer auch geistiges ummöblieren. Wobei ich gar nicht weiß, ob Entscheidungen jedes Mal bewertet werden sollen, richtig oder falsch sind ja letztlich immer Urteile, eine Notenvergabe, die unser selbsterlebtes Leben in Kapitel zwängt. Wir geben vor, einer Wahrheit zu dienen, bescheiden ihre Treppen zu bauen. Dabei produzieren wir Wahrheit, sie ist nichts, das erlangt, sie ist etwas, das getan wird. Auf meinem Facebookprofil steht immer noch der 2008 gewählte Satz „ich setzte einen fuß in die luft … und sie trug.“ Ein Gedanke: Man weiß immer erst – trotz virtueller Einrichtungsprogramme – ob das Sofa in der Ecke gut aussieht, wenn es dort steht.

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#gelesen:

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/generation-y-generation-fake-ld.10863

#gesehen:

 

#gehört:

 

KW 12

Über Erregung

Es gab letzte Woche wieder viele Newsticker, Seiten, auf denen twitterkurze Meldungen standen, chronologisch mit Sekundenanzeige sortiert. Als journalistisches Äquivalent des Gefühls, immer den neuesten Stand der Entwicklungen verfolgen und nichts verpassen zu wollen, sind Newsticker für mich ein Zeichen dafür, dass etwas Krassses, ‚Außergewöhnliches‘ vorgefallen sein muss. Wenn es Newsticker gibt, handelt es sich nicht um ‚general‘, sondern um ’spot‘ news, eine Unterscheidung, die ich auch erst vor Kurzem lernte, als es um Kriterien für das World Press Photo of the Year ging.

Newsticker sagen dir nicht nur, wann was passiert ist: Jederzeit muss auch was passieren, um sie um füllen, um der Struktur zu gehorchen, um die Erwartungen der Rezipienten, die Zahl der Klicks aufrechtzuerhalten. Informationen werden von Newstickern nicht nur geordnet, sondern generiert. Es kann nicht nichts geben, oder eine Warteschleife, die Bestie braucht Futter, im Sekundentakt: Das führt dazu, dass Sätze, deren Nachrichtenwert allenfalls behauptet wird, dich ständig in Alarmbereitschaft halten: Sei wachsam, die nächten Sekunden könnten entscheidend sein. Und mit dieser Erwartungshaltung, die in der Echokammer der Sozialen Medien viel lauter widerhallt als früher, mit der unmittelbaren Evidenz für dich und dein Leben spielen Medien, wenn sie Themen mit Newstickern versehen, die längst nicht mehr ’spot‘, sondern ‚general‘ news, sind, weitreichender, anhaltender.

Focus Online hat z.B. einen Newsticker zur ‚Flüchtlingskrise‘ eingerichtet.

Meiner Meinung nach sollten Newsticker nicht mehr Herzschrittmacher unserer Erregungspotentiale spielen, oder nur da, wo sie hingehören: zum Fußball.

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Ich war beim Zahnarzt die Woche. Zweimal, mehrstündige Behandlungen. Was hilft, wenn man angefräst an die Decke schaut und auch der Monetkunstdruck dir nicht bei dem Gedanken hilft, dass du in letzter Zeit zu viele Folterfilme gesehen hast? Podcasts! Besser als Musik, die ich fortan emotional mit Sauggeräuschen assoziiere, besser als Hörbücher, deren Sätze dem Bohrer zum Opfer fallen könnten.

Was ich gehört habe?  Anna und Dawit oder ‚Das stille Kämmerchen‘ mit ihrem Cast so mittellaut. Die beiden berichten von ihrem Alltag, der, wie bei uns Allen, Alles und Nichts, wichtig und nichtig zugleich ist. Der einzige Nachteil: man will die ganze Zeit mitreden, was nicht geht, schon gar nicht vom Zahnarztstuhl aus.

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#gesehen:

#gehört