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Kategorie: #gereist

KW 35

Über Island

Abflug: 6:35 Uhr

Ich bin müde genug, am Flughafen das An- und Abfahren der Taxis für Ballett zu halten. Gelb-weißes Lichtballett. Die Schlieren reichen bis an die Sicherheitskontrolle, wo man versucht, den Düsseldorfer Flughafen zu einem Street-Food Market zu machen. Ein Street-Food Market. Im Flughafen. Melonengesichter und Müdigkeit versöhnen mich kurz.

Das Flugzeug zeigt mehr Karohemden als üblich. Große und kleine, auffallend oft in den Landesfarben Blau-Weiß-Rot. Meine App zeigt an allen verfügbaren Tagen für Reykjavík Regen an. Ich will in der Sonne, über den Wolken bleiben. Aber nein, Sinkflug in die milchige Suppe, dann da.

Reykjavík ist winzig. Vor allem als Hauptstadt, wo ja auch so einiges reinpassen muss: ein Parlament, verschiedenes Ministerien, Versicherungsanstalten und so. Ich las im Flugzeug von der großen Einkaufsstraße Laugavegur, man stellte sich die Regent Street in London vor, meinetwegen auch die Kö. Was man bekam: lauter kleine Läden hintereinander, maximal dreistöckig, Islandpullis und Trollsticker. Keine Highstreet-Läden, dafür Highstreet-Souvenirs, bestehend aus Papageientauchern als gefilzte Puppe, Schlüsselanhängern mit Elfen drauf und der unverschämten Ausbeutung des Inselumrisses. Aber die Harpa ist toll.

Essen allerdings ist schwierig. Kann man sich eigentlich nicht erlauben. Pommes kosten 10 Euro. Also kochen wir und versuchen, Geschmack aus Gemüsen zu extrahieren, deren Anfahrtsweg unseren übersteigt. Nach einem regnerischen Ausflug in alle Kunstmuseen und einem beeindruckenden Beispiel an protestantischer, monumentaler Kargheit geht es rauf. Nach Stykkishólmùr.

Ein Land aus Eis und Feuer. Es brodelt und schmilzt. Gletscherverluste werden in neuen Sagas besungen werden, zwei Millionen Touristen im Jahr werden den Klimawandel nicht aufhalten. Man präpariert sich langsam, überlegt eine Art Kurtaxe für kostenlose Naturwunder wie den Geysir oder Gulfoss einzuführen, überlegt die Erweiterung von Straßen, von Parkplätzen, von Flugrouten. Was man nicht überlegt, ist die Produktion von Wollartikeln zu steigern. Davon gibt es genug. Es reicht ein kurzer Blick in die Geschäfte von Reykjavík: man wird von gezackter Wolle erschlagen. Islandmuster an Armen, Beinen, Köpfen. Menschen sind in Island entweder funktionsjackenbunt oder in Wolle gezackt. Wobei die Kälte und der Wind schon sehr ostfriesisch sind. Man muss sich immunisieren.

Wenn man Wärme dafür sucht, sollte klar sein, egal, ob du duschst oder kochst oder dich einem Geysir näherst: Schwefelgeruch ist unvermeidbar. Andererseits beheizt die Geothermalenergie ganz Island. Und mehr als das: Island produziert in seiner unruhigen Kruste sogar mehr Energie, als es brauchen kann. Eine Pipeline nach Großbritannien ist in Planung.

Wir fuhren raus: Die Natur hat etwas Vorzeitliches, Urzeitliches. Etwas, was aus der Zeit der Landnahme zu stammen scheint. Die wuchernde Lupine, die violette Blütenflecken in die Landschaft streut, die moosbewachsenen Felsen, deren Bergsteigerambitionen ein Ringen um Höhe ist. Das Land hat Schuppenflechte und manchmal sieht es so aus, als hätte sich ein Troll die Stiefel ausgeschüttet.

Berge, Pferde und Schafe teilten sich die Sicht. Hohe, schwere Wolken behaupteten die obere Hälfte. Als wären sie immer schon da gewesen, liegen sie grau und unbeweglich in den Bergen, mal tropfen sie sprühend, mal nicht. Bevor die Amerikaner auf dem Mond gelandet sind, fuhren sie probehalber nach Island. Gesteinsproben sammeln und so. Bei so viel spitzer vulkanischer Erde beginnt man zu verstehen, warum. Es ist wirklich so baumlos, vulkanisch, fast wie eine Mondlandschaft. Und die Farben sind fantastisch. Vielleicht liegt das nicht nur am Licht, sondern auch an der schwarzen Erde, die wenig Licht reflektiert, so dass die Farben intensiver sind.

Mittendrin: Autowracks, klirrende Totalschäden, aufgebockt in der Landschaft. So warnen die Verkehsbehörden vor Alkohol am Steuer. Mit echten, monolithisch inszenierten Unfallfahrzeugen als riesengroßen Warnschildern.

Aber die Schäfchen sind cool. Stehen am Berg wie ne 1, wie hingeworfen, bezwingen jede Steigung. Nur der Kopf grast und ist nicht festgetackert worden. Und es sind dicke Schafe, voller Wolle und feuchten Dreadlocks.

Und immer wieder Staunen: wenn ein Berg von einem perfekten Regenbogen umrundet wird und du sein Ende siehst, wenn die Sonne für Sekunden die Wolken öffnet und ein Bild auf die Wasseroberfläche malt, wenn Geröll so bizarr aufeinander getürmt ist, dass man statische Logik vergisst.

Als ich abfliege, regnet es wieder. Mein Roman ist ausgelesen, mein Konto nicht mehr ganz so schwarz und ich muss über die Aussage einer Bekannten nachdenken, die sagte:

„Wenn du nach Island fährst, hälst du die Vorstellung von Elfen und Trollen für weniger absurd.“ „Da ist ja nix“, sagte sie, „an irgendetwas muss man doch glauben, wenn da nix ist und die Erde brodelt.“

Bilder hab ich auch gemacht.

KW 23

Über Wien

Es ist schon sehr plüschig, dieses Wien. So Rot und Gold, samtig und glänzend. Dafür sitzt man in S-Bahnen nicht plastikvollverschalt sondern gepolstert, man kann sogar die Fenster öffnen, nur herauslehnen ist verboten. Und der Zug macht Werbung für den Zug: bald kannst du für wenig Geld in Bratis’lover‘ oder Györ sein (gut, dass es hier kein Wortspiel gab), das kakanische Reich zeigt sich barock vereint und leicht erreichbar. Erreichbar übrigens mit dem Wiesel, so heißt der City Schnellzug, ist auch nen Wiesel drauf, aber in Wien geht’s ja nicht in die City, sondern in die Sieti.

Kinder österreichisch sprechen zu hören ist immer wieder befremdlich. Akustisch klingt diese Sprache nach fugenlos fließender Zeit, einer Zeit, die nichts mehr will, sich nichts mehr anmaßt, eine Zeit, die ihre eigene Gemütlichkeit vertont. Übermittelalte Männer, wie Josef Hader und Harald Krassnitzer, die dürfen österreichisch sprechen, aber Kinder… ich bin dann immer gezwungen, an diese Krankheit zu denken mit der Schnellvergreisung, Progerie.

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Neben dem Tagungsmuseum steht ein Eisenmanm. Mit Rüstung und Helm, sehr groß, sehr martialisch. Doch das Eisen bekommt Punkte, wenn man sich nähert. Es sind Nägel. Eine Tafel gibt Auskunft: diese hölzerne Figur wurde geschaffen, um Ende des ersten Weltkrieges die Witwen und Waisen von gefallenen Soldaten zu unterstützen. Man konnte Nägel kaufen und sie dann einschlagen.

Man reagierte auf den Tod von Menschen, indem man Nägel in eine Puppe schlug. Ist das bereits das Gegenteil einer imitatio christi? Weil man nicht sich selbst annageln lässt, sondern annagelt? Was für eine Art Substitut, was für eine kompensatorische Funktion hat dieser Akt? Eine Konferenzteilnehmerin wusste von diesem ‚Brauch‘ und ergänzte, dass es auch andere benagelte Figuren gab und eine Hierarchie der Nägel: man konnte auch goldene und silberne Nägel spenden. Ich hab ein wenig über diese Kriegsnagelungen recherchiert: Wikipedia nennt als Motivation den

„Drang von Menschen, die nicht mit der Waffe an die Front konnten oder durften, etwas zum Sieg beizutragen“.

Und zwar nicht nur Geld, auch eine Form des Tötens. Der Brauch geht nämlich auf Baumnagelungen zurück, die seit dem Mittelalter eine verbreitete Form der Votivgabe waren. Es wurde ein ‚lebendiger‘ Baum mit Nägeln beschlagen, bis er starb. Hier lässt man ein Stück Holz, den Feind, symbolisch sterben: Gedichte, die anlässlich dieser Nagelungen entstanden, berichten davon:

„Damit wir zerschmettern mit wuchtigem Streich. Die Feinde ringsum. Für Kaiser und Reich.“

Die mittelalterlichen Votivbäume sollten die eigene Krankheit tragen, Leid wurde externalisiert und symbolisch einem Stück Holz zugefügt, dass aber durch diese Form der ‚Rüstung‘ optisch erstarkt und wehrhaft wurde. Der alte Gedanke, dass Schmerzen dich stärker machen, dass Not und Leid auch transformative Kräfte besitzen, wird hier deutlich. Und es ist eine Erweiterung dessen, was wir als Denkmal bezeichnen.

Heute sind Steuern Opferhandlungen, damals gab es Spendenbescheinigungen für die Nägel als nachmittelalterliche Ablaßbriefe.

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#gesehen:

Es war tatsächlich Josef Hader, der Stefan Zweig gespielt hat! Ich war im Kino in Wien, in Vor der Morgenröte, einem Film über Zweigs Jahre im brasilianischen Exil. Ein guter Film, eine Biografie, die sehr reflexiv mit seiner filmischen Behauptung, ein Leben nacherzählen zu können, umgeht. Und ein Film, der Inhalt und Struktur nicht als getrennte Entitäten sieht. Ab den 30er Jahren wird Zweig in kurzen Sequenzen gezeigt, nicht nur persönlich, auch narrativ zerissen. Er, der Pazifist, der es ablehnt, seine Kompetenz als Schriftsteller auf die Politik auszuweiten, die in Deutschland längst nicht mehr ’nur‘ Politik war, wird von ihr nicht in Ruhe gelassen. Er sagt:

„Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“

Und doch wird er bedrängt, sich offensiv gegen das Hitlerregime auszusprechen, Visa zu erbitten für Leute, die er entweder kaum kennt oder noch weniger mag, er fühlt sich instrumentalisiert und gefangen in einem Exil, in dem er jeden Gefallen mit öffentlichen Auftritten erwidern muss, in dem er – in einer Welt in Aufruhr – seine Ruhe vermisst.

Sein humanistisches Weltbild wird sukzessive von den politischen Ereignissen eingeholt, bald wird es keine Ruhe mehr geben, oder nur noch die Letzte. Stefan Zweig tötet sich am Ende des Films und das, was diesen Film strukturell auszeichnet, ist die fehlende Erklärung des Freitods. Die sechs Sequenzen, die Zweigs Leben im Exil zeigen, erklären nicht, sind allenfalls Skizzen, Restlichtverstärker einer Wahrheit, die wir nie kennen werden. Die nicht erkennbar ist. Wie Zweig, der sich weigerte, Aussagen über ein Land zu machen, das er seit Jahren nicht gesehen hat, verweigert auch die Regisseurin uns jegliche Erklärung. Oder lässt sie nur in der eigenen Imagination zu. Wie hat Hannah Arendt einst über die Erweiterung des Denkens gesagt:

„Man muss die Einbildungskraft lehren, Besuche zu machen.“

Ich würde ergänzen: Und auch Besuche zu empfangen.

Trailer:

KW 19

Über Rom

Wer ohne Selfiestick aus Rom zurückkehrt, ist nicht in Rom gewesen. Vielleicht kann man Städte daran erkennen, was fliegende Händler Touristen anbieten. Hier: Überall Selfiesticks, die bei Regen blitzschnell gegen Schirme getauscht werden. Rom muss also eine Stadt der Hintergründe, der Kulissen sein. Und das ist sie zweifelsfrei: Kaum eine Ecke, die sich nicht als Rückwand eignet, die dich wahlweise einschreibt in Prachtausübungen antiker oder barocker Geschichte.

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Aber erstmal: Pendler. Pendler sind überall und überall müde. Und müde Menschen handeln ökonomisch. Stellen sich eng an die Bahntüren, links und rechts einen Spalt für Aussteigende bereitstellend. In Gruppen hintereinander, die nur durch ihre leichte Asynchronität erkennen lassen, wie früh es ist. Ihr Gang, seine Zielgerichtetheit und schleppende Eleganz gleicht einem Ritual, einem kollektiven Schlafwandeln. Man findet seinen Platz intuitiv, fast ohne die Augen mehr als einen Spalt öffnen zu müssen. Am Düsseldorfer Flughafen gibt es metallbeschlagene Bodenfliesen vor den Türen des Shuttlezuges. Dort stehen sie, in Gruppen von fünf, die Markierung nicht überschreitend.

Und: es ist immer ruhig in Pendlerzügen. Konfrontiert mit der schweren Stille von vertriebenem Schlaf wird jedes Gespräch, jedes Telefonat schleppender und verstummt irgendwann. Dieser Verhaltenskodex ist geprägt von einem Nebel aus Müdigkeit, der jeden Einsteigenden umgibt. Erst bei der Arbeit, erst im Büro musst du wach sein. Bis dahin Dämmerung.

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Wir stehen auf dem Palatin, der ersten Siedlung Roms. Die Siedlungsspuren auf dem Hügel reichen zurück bis in die mittlere Steinzeit (100.000-35.000 v. Chr.), und seit dem 9. Jahrhundert hatten sich Menschen hier dauerhaft niedergelassen. Damit ist der Palatin Quelle und Zeuge des zivilisatorischen Motors schlechthin: Der Sesshaftigkeit. Der Moment, in dem der Mensch sich niederlässt, Ackerbau betreibt und mehr Kinder kriegen kann. Der Moment, an dem Felder bestellt und fruchtbar werden, Tiere gehalten und verwertet, Häuser gebaut und bewirtschaftet werden müssen. Die Sesshaftigkeit gilt nicht nur in der Archäologie als der Innovationsantrieb schlechthin, als der Moment, in dem die Welt nicht nur gepflückt, sondern genutzt wurde, in dem der Mensch nicht nur alles auf der Erde sammelte und erlegte, sondern in sie eingriff, Brunnen anlegte, Erde umgrub, Städte baute und sie ummauerte.

Wenn Sesshaftigkeit nicht nur ein Begriff, sondern ein Selbstverständnis ist, macht es Sinn, dass immer wieder Völker verfolgt wurden, die nicht sesshaft waren. Denn Nichtsesshaftigkeit, Nomadentum macht den Sesshaften Angst. Angst auch deshalb, weil die Wandernden nicht zu orten, nicht einzuschätzen sind. Und nicht zählbar. Wann, wo und ob sie eine Gefahr darstellen, kann man nicht wissen und nur schwer in Erfahrung bringen. Diese alte Angst scheint heute wieder da zu sein. Geflüchtete haben ähnliche Merkmale: schwierige Verortung, schlecht erfassbar und zählbar, als Gruppe heterogen. Und das alles innerhalb unserer Stadtmauern. Sesshaftigkeit hat vielleicht unsere Triebe gezähmt, aber nicht unsere Ängste.

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Was man altersgerechte Kleidung nennt, scheint es hier nicht zu geben. Omas sind nicht beige in Rom. Eher bunt. Und Jeans kann man mit 80 ebenfalls tragen. Auch Kälte ist relativ. Es waren 20 Grad, Touristen hatten T-Shirts, Römer Daunenjacken an. Ich habe das schon in anderen südlichen Ländern beobachtet und ich bin mir sicher, es hat nicht nur damit zu tun, dass 20 Grad in Rom tatsächlich als kälter empfunden werden. Es ist auch das Modeempfinden, dass es den Römern unmöglich macht, nur eine Saison zu tragen. Wann kann man denn die schönen Jackenmodelle, Steppwesten und Stiefelformen anziehen, wenn nicht bei 20 Grad im Mai?

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Wir fahren raus aus Rom. Hochhäuserstapel, wie so oft. Siebzig Wohnungen und mehr über- und nebeneinander. Hier fällt auf: fast jeder Balkon ist bepflanzt. Man hofft auf 50 Rosmarinkübel senkrecht und 30 Oreganokübel waagerecht. Auf den Dächern Stachel aus Fernsehantennen, für jede Wohnung eine. Wenn jede Stadt ihre Hochhäuser ebenso einzigartig machen wie ihre fliegenden Händler, hat Rom einen Speckgürtel, der grün und stachelig ist. Gesäumt mit Pinien.

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#gesehen:
„Du musst zum Vater!“ „Du musst zur Mutter!“ „Nein, zum Vater!“

Ein Mädchen, nicht gewollt, nur mit eigenem Willen ausgestattet. Ihre einzige Hilfe: Ihre Katze.

 

#gesehen:

Auf meinem Handy kann ich zeichnen. Hier: Der Petersplatz mit Obelisk und Brunnen. Fast wie Winckelmann.

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