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Kategorie: #gesehen

KW 35

Über Island

Abflug: 6:35 Uhr

Ich bin müde genug, am Flughafen das An- und Abfahren der Taxis für Ballett zu halten. Gelb-weißes Lichtballett. Die Schlieren reichen bis an die Sicherheitskontrolle, wo man versucht, den Düsseldorfer Flughafen zu einem Street-Food Market zu machen. Ein Street-Food Market. Im Flughafen. Melonengesichter und Müdigkeit versöhnen mich kurz.

Das Flugzeug zeigt mehr Karohemden als üblich. Große und kleine, auffallend oft in den Landesfarben Blau-Weiß-Rot. Meine App zeigt an allen verfügbaren Tagen für Reykjavík Regen an. Ich will in der Sonne, über den Wolken bleiben. Aber nein, Sinkflug in die milchige Suppe, dann da.

Reykjavík ist winzig. Vor allem als Hauptstadt, wo ja auch so einiges reinpassen muss: ein Parlament, verschiedenes Ministerien, Versicherungsanstalten und so. Ich las im Flugzeug von der großen Einkaufsstraße Laugavegur, man stellte sich die Regent Street in London vor, meinetwegen auch die Kö. Was man bekam: lauter kleine Läden hintereinander, maximal dreistöckig, Islandpullis und Trollsticker. Keine Highstreet-Läden, dafür Highstreet-Souvenirs, bestehend aus Papageientauchern als gefilzte Puppe, Schlüsselanhängern mit Elfen drauf und der unverschämten Ausbeutung des Inselumrisses. Aber die Harpa ist toll.

Essen allerdings ist schwierig. Kann man sich eigentlich nicht erlauben. Pommes kosten 10 Euro. Also kochen wir und versuchen, Geschmack aus Gemüsen zu extrahieren, deren Anfahrtsweg unseren übersteigt. Nach einem regnerischen Ausflug in alle Kunstmuseen und einem beeindruckenden Beispiel an protestantischer, monumentaler Kargheit geht es rauf. Nach Stykkishólmùr.

Ein Land aus Eis und Feuer. Es brodelt und schmilzt. Gletscherverluste werden in neuen Sagas besungen werden, zwei Millionen Touristen im Jahr werden den Klimawandel nicht aufhalten. Man präpariert sich langsam, überlegt eine Art Kurtaxe für kostenlose Naturwunder wie den Geysir oder Gulfoss einzuführen, überlegt die Erweiterung von Straßen, von Parkplätzen, von Flugrouten. Was man nicht überlegt, ist die Produktion von Wollartikeln zu steigern. Davon gibt es genug. Es reicht ein kurzer Blick in die Geschäfte von Reykjavík: man wird von gezackter Wolle erschlagen. Islandmuster an Armen, Beinen, Köpfen. Menschen sind in Island entweder funktionsjackenbunt oder in Wolle gezackt. Wobei die Kälte und der Wind schon sehr ostfriesisch sind. Man muss sich immunisieren.

Wenn man Wärme dafür sucht, sollte klar sein, egal, ob du duschst oder kochst oder dich einem Geysir näherst: Schwefelgeruch ist unvermeidbar. Andererseits beheizt die Geothermalenergie ganz Island. Und mehr als das: Island produziert in seiner unruhigen Kruste sogar mehr Energie, als es brauchen kann. Eine Pipeline nach Großbritannien ist in Planung.

Wir fuhren raus: Die Natur hat etwas Vorzeitliches, Urzeitliches. Etwas, was aus der Zeit der Landnahme zu stammen scheint. Die wuchernde Lupine, die violette Blütenflecken in die Landschaft streut, die moosbewachsenen Felsen, deren Bergsteigerambitionen ein Ringen um Höhe ist. Das Land hat Schuppenflechte und manchmal sieht es so aus, als hätte sich ein Troll die Stiefel ausgeschüttet.

Berge, Pferde und Schafe teilten sich die Sicht. Hohe, schwere Wolken behaupteten die obere Hälfte. Als wären sie immer schon da gewesen, liegen sie grau und unbeweglich in den Bergen, mal tropfen sie sprühend, mal nicht. Bevor die Amerikaner auf dem Mond gelandet sind, fuhren sie probehalber nach Island. Gesteinsproben sammeln und so. Bei so viel spitzer vulkanischer Erde beginnt man zu verstehen, warum. Es ist wirklich so baumlos, vulkanisch, fast wie eine Mondlandschaft. Und die Farben sind fantastisch. Vielleicht liegt das nicht nur am Licht, sondern auch an der schwarzen Erde, die wenig Licht reflektiert, so dass die Farben intensiver sind.

Mittendrin: Autowracks, klirrende Totalschäden, aufgebockt in der Landschaft. So warnen die Verkehsbehörden vor Alkohol am Steuer. Mit echten, monolithisch inszenierten Unfallfahrzeugen als riesengroßen Warnschildern.

Aber die Schäfchen sind cool. Stehen am Berg wie ne 1, wie hingeworfen, bezwingen jede Steigung. Nur der Kopf grast und ist nicht festgetackert worden. Und es sind dicke Schafe, voller Wolle und feuchten Dreadlocks.

Und immer wieder Staunen: wenn ein Berg von einem perfekten Regenbogen umrundet wird und du sein Ende siehst, wenn die Sonne für Sekunden die Wolken öffnet und ein Bild auf die Wasseroberfläche malt, wenn Geröll so bizarr aufeinander getürmt ist, dass man statische Logik vergisst.

Als ich abfliege, regnet es wieder. Mein Roman ist ausgelesen, mein Konto nicht mehr ganz so schwarz und ich muss über die Aussage einer Bekannten nachdenken, die sagte:

„Wenn du nach Island fährst, hälst du die Vorstellung von Elfen und Trollen für weniger absurd.“ „Da ist ja nix“, sagte sie, „an irgendetwas muss man doch glauben, wenn da nix ist und die Erde brodelt.“

Bilder hab ich auch gemacht.

KW 23

Über Wien

Es ist schon sehr plüschig, dieses Wien. So Rot und Gold, samtig und glänzend. Dafür sitzt man in S-Bahnen nicht plastikvollverschalt sondern gepolstert, man kann sogar die Fenster öffnen, nur herauslehnen ist verboten. Und der Zug macht Werbung für den Zug: bald kannst du für wenig Geld in Bratis’lover‘ oder Györ sein (gut, dass es hier kein Wortspiel gab), das kakanische Reich zeigt sich barock vereint und leicht erreichbar. Erreichbar übrigens mit dem Wiesel, so heißt der City Schnellzug, ist auch nen Wiesel drauf, aber in Wien geht’s ja nicht in die City, sondern in die Sieti.

Kinder österreichisch sprechen zu hören ist immer wieder befremdlich. Akustisch klingt diese Sprache nach fugenlos fließender Zeit, einer Zeit, die nichts mehr will, sich nichts mehr anmaßt, eine Zeit, die ihre eigene Gemütlichkeit vertont. Übermittelalte Männer, wie Josef Hader und Harald Krassnitzer, die dürfen österreichisch sprechen, aber Kinder… ich bin dann immer gezwungen, an diese Krankheit zu denken mit der Schnellvergreisung, Progerie.

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Neben dem Tagungsmuseum steht ein Eisenmanm. Mit Rüstung und Helm, sehr groß, sehr martialisch. Doch das Eisen bekommt Punkte, wenn man sich nähert. Es sind Nägel. Eine Tafel gibt Auskunft: diese hölzerne Figur wurde geschaffen, um Ende des ersten Weltkrieges die Witwen und Waisen von gefallenen Soldaten zu unterstützen. Man konnte Nägel kaufen und sie dann einschlagen.

Man reagierte auf den Tod von Menschen, indem man Nägel in eine Puppe schlug. Ist das bereits das Gegenteil einer imitatio christi? Weil man nicht sich selbst annageln lässt, sondern annagelt? Was für eine Art Substitut, was für eine kompensatorische Funktion hat dieser Akt? Eine Konferenzteilnehmerin wusste von diesem ‚Brauch‘ und ergänzte, dass es auch andere benagelte Figuren gab und eine Hierarchie der Nägel: man konnte auch goldene und silberne Nägel spenden. Ich hab ein wenig über diese Kriegsnagelungen recherchiert: Wikipedia nennt als Motivation den

„Drang von Menschen, die nicht mit der Waffe an die Front konnten oder durften, etwas zum Sieg beizutragen“.

Und zwar nicht nur Geld, auch eine Form des Tötens. Der Brauch geht nämlich auf Baumnagelungen zurück, die seit dem Mittelalter eine verbreitete Form der Votivgabe waren. Es wurde ein ‚lebendiger‘ Baum mit Nägeln beschlagen, bis er starb. Hier lässt man ein Stück Holz, den Feind, symbolisch sterben: Gedichte, die anlässlich dieser Nagelungen entstanden, berichten davon:

„Damit wir zerschmettern mit wuchtigem Streich. Die Feinde ringsum. Für Kaiser und Reich.“

Die mittelalterlichen Votivbäume sollten die eigene Krankheit tragen, Leid wurde externalisiert und symbolisch einem Stück Holz zugefügt, dass aber durch diese Form der ‚Rüstung‘ optisch erstarkt und wehrhaft wurde. Der alte Gedanke, dass Schmerzen dich stärker machen, dass Not und Leid auch transformative Kräfte besitzen, wird hier deutlich. Und es ist eine Erweiterung dessen, was wir als Denkmal bezeichnen.

Heute sind Steuern Opferhandlungen, damals gab es Spendenbescheinigungen für die Nägel als nachmittelalterliche Ablaßbriefe.

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#gesehen:

Es war tatsächlich Josef Hader, der Stefan Zweig gespielt hat! Ich war im Kino in Wien, in Vor der Morgenröte, einem Film über Zweigs Jahre im brasilianischen Exil. Ein guter Film, eine Biografie, die sehr reflexiv mit seiner filmischen Behauptung, ein Leben nacherzählen zu können, umgeht. Und ein Film, der Inhalt und Struktur nicht als getrennte Entitäten sieht. Ab den 30er Jahren wird Zweig in kurzen Sequenzen gezeigt, nicht nur persönlich, auch narrativ zerissen. Er, der Pazifist, der es ablehnt, seine Kompetenz als Schriftsteller auf die Politik auszuweiten, die in Deutschland längst nicht mehr ’nur‘ Politik war, wird von ihr nicht in Ruhe gelassen. Er sagt:

„Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“

Und doch wird er bedrängt, sich offensiv gegen das Hitlerregime auszusprechen, Visa zu erbitten für Leute, die er entweder kaum kennt oder noch weniger mag, er fühlt sich instrumentalisiert und gefangen in einem Exil, in dem er jeden Gefallen mit öffentlichen Auftritten erwidern muss, in dem er – in einer Welt in Aufruhr – seine Ruhe vermisst.

Sein humanistisches Weltbild wird sukzessive von den politischen Ereignissen eingeholt, bald wird es keine Ruhe mehr geben, oder nur noch die Letzte. Stefan Zweig tötet sich am Ende des Films und das, was diesen Film strukturell auszeichnet, ist die fehlende Erklärung des Freitods. Die sechs Sequenzen, die Zweigs Leben im Exil zeigen, erklären nicht, sind allenfalls Skizzen, Restlichtverstärker einer Wahrheit, die wir nie kennen werden. Die nicht erkennbar ist. Wie Zweig, der sich weigerte, Aussagen über ein Land zu machen, das er seit Jahren nicht gesehen hat, verweigert auch die Regisseurin uns jegliche Erklärung. Oder lässt sie nur in der eigenen Imagination zu. Wie hat Hannah Arendt einst über die Erweiterung des Denkens gesagt:

„Man muss die Einbildungskraft lehren, Besuche zu machen.“

Ich würde ergänzen: Und auch Besuche zu empfangen.

Trailer:

KW 19

Über Rom

Wer ohne Selfiestick aus Rom zurückkehrt, ist nicht in Rom gewesen. Vielleicht kann man Städte daran erkennen, was fliegende Händler Touristen anbieten. Hier: Überall Selfiesticks, die bei Regen blitzschnell gegen Schirme getauscht werden. Rom muss also eine Stadt der Hintergründe, der Kulissen sein. Und das ist sie zweifelsfrei: Kaum eine Ecke, die sich nicht als Rückwand eignet, die dich wahlweise einschreibt in Prachtausübungen antiker oder barocker Geschichte.

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Aber erstmal: Pendler. Pendler sind überall und überall müde. Und müde Menschen handeln ökonomisch. Stellen sich eng an die Bahntüren, links und rechts einen Spalt für Aussteigende bereitstellend. In Gruppen hintereinander, die nur durch ihre leichte Asynchronität erkennen lassen, wie früh es ist. Ihr Gang, seine Zielgerichtetheit und schleppende Eleganz gleicht einem Ritual, einem kollektiven Schlafwandeln. Man findet seinen Platz intuitiv, fast ohne die Augen mehr als einen Spalt öffnen zu müssen. Am Düsseldorfer Flughafen gibt es metallbeschlagene Bodenfliesen vor den Türen des Shuttlezuges. Dort stehen sie, in Gruppen von fünf, die Markierung nicht überschreitend.

Und: es ist immer ruhig in Pendlerzügen. Konfrontiert mit der schweren Stille von vertriebenem Schlaf wird jedes Gespräch, jedes Telefonat schleppender und verstummt irgendwann. Dieser Verhaltenskodex ist geprägt von einem Nebel aus Müdigkeit, der jeden Einsteigenden umgibt. Erst bei der Arbeit, erst im Büro musst du wach sein. Bis dahin Dämmerung.

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Wir stehen auf dem Palatin, der ersten Siedlung Roms. Die Siedlungsspuren auf dem Hügel reichen zurück bis in die mittlere Steinzeit (100.000-35.000 v. Chr.), und seit dem 9. Jahrhundert hatten sich Menschen hier dauerhaft niedergelassen. Damit ist der Palatin Quelle und Zeuge des zivilisatorischen Motors schlechthin: Der Sesshaftigkeit. Der Moment, in dem der Mensch sich niederlässt, Ackerbau betreibt und mehr Kinder kriegen kann. Der Moment, an dem Felder bestellt und fruchtbar werden, Tiere gehalten und verwertet, Häuser gebaut und bewirtschaftet werden müssen. Die Sesshaftigkeit gilt nicht nur in der Archäologie als der Innovationsantrieb schlechthin, als der Moment, in dem die Welt nicht nur gepflückt, sondern genutzt wurde, in dem der Mensch nicht nur alles auf der Erde sammelte und erlegte, sondern in sie eingriff, Brunnen anlegte, Erde umgrub, Städte baute und sie ummauerte.

Wenn Sesshaftigkeit nicht nur ein Begriff, sondern ein Selbstverständnis ist, macht es Sinn, dass immer wieder Völker verfolgt wurden, die nicht sesshaft waren. Denn Nichtsesshaftigkeit, Nomadentum macht den Sesshaften Angst. Angst auch deshalb, weil die Wandernden nicht zu orten, nicht einzuschätzen sind. Und nicht zählbar. Wann, wo und ob sie eine Gefahr darstellen, kann man nicht wissen und nur schwer in Erfahrung bringen. Diese alte Angst scheint heute wieder da zu sein. Geflüchtete haben ähnliche Merkmale: schwierige Verortung, schlecht erfassbar und zählbar, als Gruppe heterogen. Und das alles innerhalb unserer Stadtmauern. Sesshaftigkeit hat vielleicht unsere Triebe gezähmt, aber nicht unsere Ängste.

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Was man altersgerechte Kleidung nennt, scheint es hier nicht zu geben. Omas sind nicht beige in Rom. Eher bunt. Und Jeans kann man mit 80 ebenfalls tragen. Auch Kälte ist relativ. Es waren 20 Grad, Touristen hatten T-Shirts, Römer Daunenjacken an. Ich habe das schon in anderen südlichen Ländern beobachtet und ich bin mir sicher, es hat nicht nur damit zu tun, dass 20 Grad in Rom tatsächlich als kälter empfunden werden. Es ist auch das Modeempfinden, dass es den Römern unmöglich macht, nur eine Saison zu tragen. Wann kann man denn die schönen Jackenmodelle, Steppwesten und Stiefelformen anziehen, wenn nicht bei 20 Grad im Mai?

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Wir fahren raus aus Rom. Hochhäuserstapel, wie so oft. Siebzig Wohnungen und mehr über- und nebeneinander. Hier fällt auf: fast jeder Balkon ist bepflanzt. Man hofft auf 50 Rosmarinkübel senkrecht und 30 Oreganokübel waagerecht. Auf den Dächern Stachel aus Fernsehantennen, für jede Wohnung eine. Wenn jede Stadt ihre Hochhäuser ebenso einzigartig machen wie ihre fliegenden Händler, hat Rom einen Speckgürtel, der grün und stachelig ist. Gesäumt mit Pinien.

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#gesehen:
„Du musst zum Vater!“ „Du musst zur Mutter!“ „Nein, zum Vater!“

Ein Mädchen, nicht gewollt, nur mit eigenem Willen ausgestattet. Ihre einzige Hilfe: Ihre Katze.

 

#gesehen:

Auf meinem Handy kann ich zeichnen. Hier: Der Petersplatz mit Obelisk und Brunnen. Fast wie Winckelmann.

2016-05-16 18.29.03

KW 16

Über Trauer

Prince. Jetzt ist der zweite Musiker gestorben, dem ich Ganzkörperanzüge in Plastik geglaubt habe. Der sich selbst nie in die Erzählung eines Comebacks einschreiben musste. Der immer gearbeitet hat, egal unter welchen Namen oder Symbolen (sowieso nur die Folge von Warner-Schikanen). Eric Clapton wurde einst gefragt, wie es sich denn anfühlt, der beste lebende Gitarrist auf der Welt zu sein. Er sagte: Keine Ahnung, frag Prince. Prince war neben Al Green der Meister der Sexmusik. Man kann nur ahnen, auf wievielen XXX-Playlisten er stand. Peter Breuer sagt:

Popmusik fängt an, wenn das Verlieben beginnt. Das ist Teil der menschlichen DNA. Die Bands oder Musiker, für die man sich in dieser Zeit entscheidet, sind wie die erste unglückliche Liebe, der erste Kuss und der erste Sex – Vergessen unmöglich.
https://peterbreuer.me/2016/04/22/no-beginning-and-no-end/

Und das Netz trauert. Wie bei Bowie. Gemeinsame, performative Trauer, die massenhaft alles hochspült, was das kollektive Gedächtnis längst verdrängt hatte: Prince in der Muppet-Show, Prince in Dessous auf der Bühne, alles in lila Regen. Allein der YouTube-Gema-Disput macht dieser Form der Trauer einen Strich durch die Rechnung: Jeder Hit auf YouTube ist gesperrt oder nur in schlechten Coverversionen verfügbar. Aber manchmal auch in guten.

Wenn das Netz trauert, weint es nicht. Es spricht, postet, erinnert sich. Man weint vielleicht im neuen Facebookemoji, aber wichtiger ist die kollektive Würdigung des Gehörten, Gelesenen, Gedachten. In seiner ausschnitthaften Auffindbarkeit wird ein komplettes Lebenswerk in die sozialen Medien gespült, und man versucht, wie früher im Plattenladen, den geheimsten, seltensten Fund zu tätigen: Die alte Bootlegplatte ist nun das schwarzweiße Video seines ersten öffentlichen Auftritts, die rare Pressung das erste Rolling Stone-Interview. Ein Politico-Beitrag nennt diese Form der Trauer „to out-sad one another“. Ich seh das anders. Man erinnert sich und fahndet nach dieser Erinnerung. Nur jetzt im Internet.

Ich mag das ja: Twitter & Facebook werden zum Kondolenzbuch und man kann stundenlang Prince oder David Bowie hören, an Robin Williams Filme erinnert werden und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Klar ist das kein neues Phänomen: Zu Victor Hugos Beerdigung kamen Millionen Pariser, bereits die Griechen und Römer haben riesige Beerdigungen organisiert. Neu ist der partizipative Moment des Netzes: Du – als Postender – bist Teil der Trauergemeinde, auch wenn es nur ein schnödes RIP ist. Du trägst durch deine Beiträge, die geteilten Interviews und Videos etwas bei, kannst in der Hilflosigkeit der Trauernachricht produktiv sein. Du kochst kein Essen für die Kernfamilie, aber du feierst Talent, das jäh zum Erbe geworden ist.

Ich finde diese Art kollektiver Trauer nicht billig, nur weil es wahnsinnig bequem ist. Man muss nicht mal aufstehen. Ein paar Klicks, schon ist man dabei. Richtig bleibt natürlich, dass es

eigentlich nicht der tod sein (sollte), der uns an unsere lieben, die lebenden oder unsere leidenschaften erinnert.
http://wirres.net/article/articleview/9730/1/6/

Als Internetphänomen wird der Tod von Celebrities immer anders betrachtet werden als jeder andere Tod, der nicht öffentlich gehandelt wird. Öffentlich halt. Eine öffentliche Person wird öffentlich betrauert, so lauten die Spielregeln, die sich mit den Regeln des Netzes paaren. Das Internet hat die Fähigkeit, jedes Ereignis, selbst den Tod, zu einem sozialen Trend zu machen. Und ist es nicht auch ein kleiner demokratischer Akt, ein Stück Selbstermächtigung, etwas ‚trenden‘ zu lassen?

Im Englischen gibt es den Unterschied von grief und mourning, zwischen innerer und äußerer Trauer. Wenn wir in Posts das Leben von Prince oder Robin Williams, oder David Bowie Revue passieren lassen, befinden wir uns aufmerksamkeitsökonomisch immer auf der sicheren Seite, da content umso interessanter wird, wenn er likeable und teilbar ist. Das Gesetz der Nachfrage schütz die Trauer. Die Ausgesetztheit des Netzes, mit jedem Post eine mögliche Angriffsfläche zu bieten, fällt bei öffentlicher Trauer weg. Solange man die ‚richtigen‘ Menschen betrauert fällt man weich in die offenen Arme des klagenden Internets.

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#gelesen:

Die ‚Geburt‘ des Neoliberalismus und seine Folgen: Toller Artikel, der jede Wirtschaftswissenschaftsvorlesung bereichern würde:

http://www.theguardian.com/books/2016/apr/15/neoliberalism-ideology-problem-george-monbiot

#gesehen:

2016-04-24 19.53.32

KW 14

Über Entscheidungen

Wenn man sich entscheiden muss, ist es ja selten so, dass man wirklich an einem Weg steht, der sich gabelt und man nur einen Fuß vor den anderen setzen müsste.
Was man verhandelt, was man abwägt und überlegt, sind Vorstellungen, Projektionen, ‚was wäre wenn…‘-Gedanken. Die Stimmungen sind klein und unverbunden. Oft bekommt man den Rat, in sich reinzuhorchen, genau auf seinen Bauch zu achten… Meine Erkenntnis daraus: er ist zu rund und reden tut er nur, wenn er Hunger hat.

Aus allem wird so ein Märchenwald, alles wird aufgeladen und subjektiviert und in dein Inneres verlagert, dabei ist mein Inneres schon ganz schön vollgestellt. Ich weiss, dass das innere Auskundschaften eine Metapher sein sollen, doch für was?
Was soll man tun, wenn sich nichts irgendwie ‚anfühlt‘ und du dir keine Plus- und Minuslisten machen kannst, weil sich nicht alles in Plus und Minus unterscheiden lässt? Gucken, was kommt, wenn man sich entschieden hat? Das wäre salomonisch, birgt aber die Gefahr der Irreversibilität. Manchmal kann man nämlich nicht hinter die Entscheidung zurück, wenn sie sich als falsch herausstellt.

Deswegen kopiert man Entscheidungen und die Vergangenheit wird noch ein Stück weit verlängert. Man weiss, dass es schon mal so gelaufen und gut gegangen ist, nicht notwendigerweise bei einem selbst, sondern bei anderen.

„Die Kopie ist die höchste Form der Orientierung am Bestehenden und zugleich ein Offenbarungseid, ja «der Tod», wie es da Vinci ausdrückte. Jede Kopie ist eine Kapitulation vor der Autorität des Anerkannten.“

Milosz Matuschek, Generation Fake: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/generation-y-generation-fake-ld.10863

Es ist die alte Sehnsucht nach dem Leben anderer Menschen. Ein Ausfallschritt, man wird das, was im Englischen gerne mit „excellent sheep“ umschrieben wird. Stabilität wird versprochen, aber nicht gehalten, weil sich Entscheidungen eben nicht in ihren Konsequenzen kopieren lassen.

Gestern war ich in einem Film. Colin Farrell musste ein Tier wählen, in das er verwandelt werden würde, wenn er die Liebe nicht in 45 Tagen findet. Er wollte ein Hummer sein. Er wollte, so die Selbstauskunft, im Meer leben und 100 Jahre alt werden, von blauem Blut und immer noch fruchtbar sein. In einer Szene wirft ihm Ben Whishaw diese Wahl vor: Hummer sind überfischt, kaum mehr zu kriegen, du wirst keine 100 Jahre, du bist eine Delikatesse (ich paraphrasiere hier ein wenig). S., mit dem ich im Kino war, wollte übrigens ein Elefant sein. Aus den üblichen Gründen.

Wenn wir uns entscheiden, kommen immer einförmige Flächen, Ausdehnungen, an denen wir notwendig kleben, solange sie dauern. Wir nuckeln die Milch dieser Pausen, bis sie vorbei sind und wir weitermüssen.

Entscheiden ist immer auch geistiges ummöblieren. Wobei ich gar nicht weiß, ob Entscheidungen jedes Mal bewertet werden sollen, richtig oder falsch sind ja letztlich immer Urteile, eine Notenvergabe, die unser selbsterlebtes Leben in Kapitel zwängt. Wir geben vor, einer Wahrheit zu dienen, bescheiden ihre Treppen zu bauen. Dabei produzieren wir Wahrheit, sie ist nichts, das erlangt, sie ist etwas, das getan wird. Auf meinem Facebookprofil steht immer noch der 2008 gewählte Satz „ich setzte einen fuß in die luft … und sie trug.“ Ein Gedanke: Man weiß immer erst – trotz virtueller Einrichtungsprogramme – ob das Sofa in der Ecke gut aussieht, wenn es dort steht.

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#gelesen:

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/generation-y-generation-fake-ld.10863

#gesehen:

 

#gehört:

 

KW 12

Über Erregung

Es gab letzte Woche wieder viele Newsticker, Seiten, auf denen twitterkurze Meldungen standen, chronologisch mit Sekundenanzeige sortiert. Als journalistisches Äquivalent des Gefühls, immer den neuesten Stand der Entwicklungen verfolgen und nichts verpassen zu wollen, sind Newsticker für mich ein Zeichen dafür, dass etwas Krassses, ‚Außergewöhnliches‘ vorgefallen sein muss. Wenn es Newsticker gibt, handelt es sich nicht um ‚general‘, sondern um ’spot‘ news, eine Unterscheidung, die ich auch erst vor Kurzem lernte, als es um Kriterien für das World Press Photo of the Year ging.

Newsticker sagen dir nicht nur, wann was passiert ist: Jederzeit muss auch was passieren, um sie um füllen, um der Struktur zu gehorchen, um die Erwartungen der Rezipienten, die Zahl der Klicks aufrechtzuerhalten. Informationen werden von Newstickern nicht nur geordnet, sondern generiert. Es kann nicht nichts geben, oder eine Warteschleife, die Bestie braucht Futter, im Sekundentakt: Das führt dazu, dass Sätze, deren Nachrichtenwert allenfalls behauptet wird, dich ständig in Alarmbereitschaft halten: Sei wachsam, die nächten Sekunden könnten entscheidend sein. Und mit dieser Erwartungshaltung, die in der Echokammer der Sozialen Medien viel lauter widerhallt als früher, mit der unmittelbaren Evidenz für dich und dein Leben spielen Medien, wenn sie Themen mit Newstickern versehen, die längst nicht mehr ’spot‘, sondern ‚general‘ news, sind, weitreichender, anhaltender.

Focus Online hat z.B. einen Newsticker zur ‚Flüchtlingskrise‘ eingerichtet.

Meiner Meinung nach sollten Newsticker nicht mehr Herzschrittmacher unserer Erregungspotentiale spielen, oder nur da, wo sie hingehören: zum Fußball.

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Ich war beim Zahnarzt die Woche. Zweimal, mehrstündige Behandlungen. Was hilft, wenn man angefräst an die Decke schaut und auch der Monetkunstdruck dir nicht bei dem Gedanken hilft, dass du in letzter Zeit zu viele Folterfilme gesehen hast? Podcasts! Besser als Musik, die ich fortan emotional mit Sauggeräuschen assoziiere, besser als Hörbücher, deren Sätze dem Bohrer zum Opfer fallen könnten.

Was ich gehört habe?  Anna und Dawit oder ‚Das stille Kämmerchen‘ mit ihrem Cast so mittellaut. Die beiden berichten von ihrem Alltag, der, wie bei uns Allen, Alles und Nichts, wichtig und nichtig zugleich ist. Der einzige Nachteil: man will die ganze Zeit mitreden, was nicht geht, schon gar nicht vom Zahnarztstuhl aus.

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#gesehen:

#gehört