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Kategorie: #quotes

KW 25

Über Ignoranz

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Nun ist er da, der #Brexit. Und auf einmal sind alle reumütig und zerknirscht. Eine Petition der Nichteinverstandenen wird initiiert, Schottland bröckelt und die EU verhält sich wie ein gekränktes Kind… So haben wir das nicht gewollt, sagen sie, wir wussten nicht, was kommt: nach einem halben Tag. Wir wissen auch nicht, was kommt. Für mich steht allenfalls fest, dass Großbritannien nicht aus 52% nationalistischen Idioten besteht, sondern dass die EU als Sammelbecken für viele Unzufriedenheiten diente. Dass sehr verschiedene Partikularinteressen existierten, die man radikalisieren konnte (einen guten Überblick findet man hier). Und dass Cameron letztendlich seinen parteipolitischen Poker nicht nur mit seinem Amt, sondern auch mit der Zukunft des Landes, dem er vorgab zu dienen, bezahlte. Ignorant an dem Ganzen ist, dass es keine wirklich positive Wahlentscheidung geben konnte: Die ‚In‘-Kampagne baute auch auf Angst, drohte damit, was für ökonomische Nachteile ein Brexit haben würde, aber eine positive Vision, europäische Errungenschaften? Nicht vernehmbar.

„Mit der Erweiterung des Blickfelds wird die Welt kleiner“ schrieb Gisèle Freund in Photographie und Gesellschaft. Kleiner, ja, weil sie näher zusammenrückt, aber auch voller. So voll, dass es Menschen gibt, die mit Ignoranz reagieren. Und Ignoranz ist sicher auch ein wahlentscheidendes Moment am Freitag gewesen.
Ignoranz ist keine passive, sondern eine aktive Eigenschaft; sie bezeichnet eine bewusste Abkehr von Wissen, keinen unbewusst Unwissenden. Ignoranz ist ein Filter, der mit voller Absicht dem Filter aufgesetzt wurde, der jeglichen Reiz, jegliche Information siebt: Dem Gehirn.
Unser Gehirn ist nämlich auch ignorant. Wir filtern unglaublich viel, ohne zu wissen, was. Es gibt Menschen, die haben feinere, und Menschen, die haben gröbere Filter. Und feinere Filter heißt weniger Input und größere Ignoranz. Erst das, was durchkommt, kann Bedeutung erlangen, erst dann wird es relevant, bekommt Nachrichtenwert. Diese Filter arbeiten übrigens wirklich nach dem ‚News‘-Prinzip: Neue Reize werden schneller und intensiver transportiert als wiederholte, bereits gekannte Reize. Das Ergebnis solcher neurologischen Abläufe ist das, was z.B. bei emotional aufgeladenen Bildern passiert. Der Betrachter ist es irgendwann leid, zu leiden. Er hört auf damit, wird der Bilder überdrüssig und kann nun das Gezeigte viel leichter ausblenden.

Der Gedächtnisfilter, so schreiben die Forscher, sei vergleichbar mit einem Pförtner: Er sortiert die hereinkommenden Informationen vor und ermöglicht es dem Arbeitsspeicher so, sich nur auf die wesentlichen zu konzentrieren. Gleichzeitig verhindert er, dass nicht benötigte Daten die begrenzten Ressourcen des Gehirns belegen. Aber was unnötig ist oder nicht, ist nicht klar definiert. Allerdings liegt die These nahe, dass in einer übersättigten Informationsgesellschaft Ignoranz deshalb zunimmt, weil der Arbeitsspeicher voll, die Filter verstopft sind. Reduzierte Argumente, ein klar verständliches Welt- und Feindbild, die Beliebtheit rechtspopulistischer Ideen: Vielleicht kein Zufall.

Will man wieder zum Fußgänger der Medien werden? Letztlich kann man Informationen nicht zählen, weil jede Einheit qualitativ ist. Eine unzählbare Menge an Sigularitäten. Wenn man diese Qualität herstellt und die Nachrichten nicht als reine Quantität, als Welle, als Masse wahrnimmt, kann man auch besser damit umgehen.

Schlimmer als Ignoranz aus Überforderung ist aber Ignoranz als Haltung: „Es ist nicht cool, nicht zu wissen, wovon man spricht“ Dieses Zitat ist von Barack Obama überliefert. Er hielt es für notwendig, in einer Abschlussrede eines Colleges darauf hinzuweisen, dass es nicht cool ist, nicht zu wissen, wovon man spricht. Find ich auch nicht cool, aber noch uncooler ist doch die scheinbare Notwendigkeit, Collegeabgänger darüber informieren zu müssen. Die Medien griffen es – sicher nicht unberechtigt – als kaum verschleierte Trump-Kritik auf. Ignoranz als Türsteher der Intoleranz zu denunzieren, ist natürlich weder unzulässig, noch falsch. Was mich wundert, erschreckt und in diesen trumpmultigen Zeiten zusammenzucken lässt, ist, dass der ‚Führer der freien Welt‘ Weisheiten wiederholt, die in Kinderbüchern gelehrt werden. Keine Mauern, wie von Trump als Grenze zu Mexico vorgeschlagen, keine Abschottung angesichts der lokalen Folgen der Globalisierung, sondern Öffnung, Hilfe und Verständnis für ihre Abläufe schlägt er vor:

Das hat nichts damit zu tun, echt zu sein oder Dinge beim Namen zu nennen. Da wird der politischen Korrektheit nicht die Stirn geboten. Das ist schlicht Unwissenheit.

So geht das Zitat weiter. Echt als Gegensatz von Wissen? Really? Als ob unser allerauthentischstes Selbst befleckt wird durch Information, Wissen als feindliche Übernahme des ‚unschuldigen‘ Ichs fungiert. „Dinge beim Namen nennen“ ist auch so ein Euphemismus. Wahrheit ist – falls sie existiert – selten einfach und noch schwieriger auf den Begriff zu bringen, wobei diese Formulierung ja auch Mut und Ignoranz korreliert. Wenn es Mut braucht, um ignorant zu sein, dann nur den zweifelhaft fremdschämenden Impetus, die eigene Dummheit öffentlich zu machen.

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#gelesen:

„Und so dies Leben, eine süße Form der Ignoranz,
Die niemand missen will zunächst, und später,
Wenn sie Routine wird und Konsequenz und Krise,
Ein Rendezvous mit immer neuen zähen Viren,
Braucht es, das durchzustehn, den Virtuosen.“
Durs Grünbein, Parenthese für Optimisten

 

KW 18

Über Druck

Ungepolsterte Augen, die angeschrien werden: Hier Leid, hier schöne Wohnung, hier funny Katzenvideo! Schau, schreit es ihnen entgegen, sieh hin, konsumiere, helfe. Ich blicke weg. Es gibt den Druck der Aufmerksamkeit der Dinge, die in sozialen Medien als Wellen unsere Augen brechen. Einen Druck der Welthaftigkeit, der dort vermittelt nur ein Foto oder ein kurzer Text ist, aber eigentlich so viel mehr: Unser Gehirn schmeißt uns nach links und rechts, nach oben und unten: Sieh, dieses kleine Pinguinbaby ist in Not. Sieh, dieser Fußballspieler ist ungehörig gewesen. Sieh, hier eine wackelige Gif eines Wellensittichs. Dabei sieht man nur Echos. Pixelgewordene Echos, die wir mit Welt verwechseln. Alles ist gleichzeitig und doch nicht da.

Durch dieses Übermaß an Echos gibt es auch ein Übermaß an Hall. Unsere Ordnungen, das, was man glaubt, ein ‚geregeltes‘ Leben zu nennen, wird aufgepumpt und gestört. Mit Vergleichen, die digital sind, Interieurblogs, die immer besser aussehen als die eigene Wohnung, mit Körpervorbildern, die massenweise als digitale Geister das Netz fluten, mit Angeboten zu Nachfragen, die wir nie hatten.

Wenn man sich vergleicht, gleicht man dem Anderen automatisch. Der Vergleich lässt nur Ähnlichkeit zu, jeder andere Aspekt, jede Alterität, jede Eigenschaft, die einen Vergleich eigentlich nicht zulassen würde, wird ausgeblendet. Ich habe mal eine Hausarbeit gelesen, in der eine mittelalterliche Buchmalerei, die die Übergabe der Gesetzestafeln an Moses zeigte, mit einem amerikanischen Historiengemälde verglichen werden sollte, auf dem Thomas Jefferson die Unabhängigkeitserklärung verfasst. In beiden Bildern wurden zwar ‚Gesetze‘ erstellt und transferiert, aber damit schlossen sich auch die medialen Gemeinsamkeiten. Man kann nicht alles vergleichen, man sollte es nicht. Weil ein Vergleich immer auf eine Wertung verweist, ein besser und schlechter imaginiert und das, obwohl zu wenig Kategorien existieren, die tatsächlich einen Vergleich zuließen.

Byung-Chul Han hat jüngst gesagt:

„die Bemühung um Authentizität, nur sich selbst zu gleichen, löst einen permanenten Ver-Gleich mit anderen aus.“

Es scheint absurd: Je mehr wir authentisch, letztlich uns selbst ähnlich sein wollen, desto mehr muss man sich von anderen abgrenzen. Und das passiert durch den Vergleich, der schnell gezogen ist in digitalen Zeiten, wo jede Kategorie sofort recherchierbar ist. Doch was vergleicht man dort wirklich? Und warum lassen wir zu, dass diese Echos Druck erzeugen?

Wir brauchen Druck. Wir suchen ihn. Denn Druck ist physikalisch ein Widerstand, ein Widerstand vor der eigenen Verkleinerung. Wenn ‚die Moderne‘ dadurch gekennzeichnet ist, dass Orte des Zwangs, wie Fabriken oder die Armee, weniger Personal benötigen, ist der externe Druck einem internen gewichen. Die Freiheit und Flexibilität westlicher Gesellschaften lässt – so eine These – so wenig Zwang sichtbar werden, dass wir jenen Druck, der notwendig ist, um so etwas wie Identität zu formen, verinnerlichen.
Schon Descartes hat die Vorstellung von Identität als Raum bemüht, der ausgestellt und eingerichtet wird. Ist das der Grund für den Erfolg von Interieurblogs? Wo Eigentum herrscht, fängt Reinigung an. Beschmutzt sind nur die Außenräume, die Stadt, Staat oder einer sonstigen kaum fassbaren Entität obliegen.

Es gibt zu viele Ordnungsangebote, zu viele Kategorien. Der Druck, den wir empfinden, ist auch ein Druck der Annahme, es könnte nur ein entweder/oder und kein und in dieser schieren Masse geben. Christiane Frohmann hat auf der re:publica vor ein paar Jahren einen schönen Vortrag über dieses und-Dasein gehalten. Ihre grobe These war, dass man entweder/oder-Menschen von und-Menschen trennen kann. Und für entweder/oder-Menschen prägte sie den schönen Satz, dass jene sich als Content dem Kontext anpassen müssen, dass sie immer wissen, welche Rolle sie gerade innehaben.
Ich denke, ein Teil der gefühlten Überforderung ist daraus abzuleiten. Wir wollen Sinn, Ränder, umgrenzte, einfache Zuschreibungen. Die es – zumindest im Netz – in diesem hermeneutischen Sinn nicht mehr gibt. Die Art der Überforderung, der Druck entsteht aus den vielfachen Kontexten, in denen man sich nicht mehr verhalten kann. Richtig oder Falsch kann und sollte keine primäre Reaktion auf diese Art der Information sein, und wenn wir doch so denken, enden wir im Vergleich.

Den und-Menschen hat Frohmann vor allem attestiert, dass sie mischen. Das Ordnungen und Kategorien für sie nicht dieselbe institutionelle Bedeutung besitzen wie bei entweder/oder-Menschen. Ein früher und-Mensch ist z.B. Robert Musil, der es nie mit der festen Vorstellung von Identität als gesetztes, eisernes, mit Attributen angereichertes Ich hatte, sondern sagte:

„Individuum ist ein Ablauf, eine Variation. Fertig mit seinem Tod“.

Als Lackmustest, ob man ein entweder/oder- oder ein und-Mensch ist, empfiehlt Frohmann übrigens, sich die Frage zu stellen, ob man eine Email an Barack Obama mit Emoticons versehen würde.

Ich mag diese Unterscheidung, auch wenn ich mich keinem oder eher beiden Lagern zuordnen kann (was auch möglich ist). Diese Unterscheidung erklärt nämlich sehr schön anschaulich den Druck. Nicht nur den Druck der Sehdaten. Sondern auch den Druck, jedem Rollenangebot, jeder Information mit einem ‚adäquaten‘ Verhalten, sei es emotional oder physisch, begegnen zu wollen. Vielleicht sollten wir versuchen, das hin und wieder zu lassen. Und uns nicht verhalten.

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#gelesen:

Besucht ihr die International Movie Database (IMDb), Metacritic oder Rotten Tomatoes, bevor ihr einen Film anseht? Lucas Barwenczik hat hier sehr lesenswert aufgeschrieben, wie diese Datenbanken funktionieren und das Schwarmintelligenz nicht immer intelligent sein muss:

http://www.kino-zeit.de/blog/b-roll/kritik-an-der-schwarmkritik-das-problem-mit-imdb-rotten-tomatoes-und-metacritic

KW 17

Über Zufall

Game of Thrones hat wieder angefangen, jipieh! Alles scheint erleuchtet, die Abende weniger sinnlos, Vorfreude grenzenlos zu sein! GoT ist als Serie ein einziger Schmelztiegel.  So unterschiedliche Menschen feiern diese Serie, man versammelt sich vorm virtuellen Lagerfeuer aus Eis und Feuer.

GoT spielt in einer Welt, in der Gesetze noch Hörensagen sind und Macht mit dem Schwert erlangt wird. Nichts ist fest in dieser Serie, alles ist noch drin, flüssig und machbar. Es würde vollkommen Sinn machen, wenn John Snow ‚auf einmal‘ von der gestaltwandelnden Arya zum Leben erweckt werden würde.

Allerdings zeugt diese Cliffhangertaktik noch von ganz anderen Interessen als narrativen: die krautreporter haben  anhand von The Walking Dead aufgeschrieben, wie man in Staffelpausen Buzz erzeugt: Glenn ist Tod! – Ein paar Folgen später – nein, ist er nicht! Er hat unter einer Mülltonne überlebt. Gerade wenn Serien – wie GoT oder TWD – die narrativ geschickt mit der Willkür des Todes arbeiten, solche PR-Shows abziehen, wird der ‚Zufall‘, das Unvorhergesehene, das wir an ihrer Erzählart schätzen, korrumpiert.

Doch Dinge passieren. Aus unterschiedlichen Gründen: Wenn Menschen handeln und Dinge passieren, spricht man von Intention. Aber auch das ist oft geraten. Wenn Tiere aussterben spricht man von Evolution oder bemüht andere Natur’gesetze’, wenn ein Stein fällt wars die Schwerkraft. Doch wo bleibt der Zufall? Haben wir ihn ausgerottet? Haben unsere Begründungszusammenhänge das eliminiert, was sich jeglicher Begründung entzog? Hat das Narrativ die Tatsache gekillt? Aber auch der Zufall ist ein Zuschreibungsprodukt: Zufälle entstehen erst, wenn sie bemerkt werden. Eine der spannendsten Fragen in der zeitgenössischen Mathematik besteht darin, ob man so etwas wie Zufall herstellen kann. Intuitiv würde man sagen geht nicht, weil es ja dem Prinzip des Zufalls widerspricht: Da er keine Folge von Handlungen ist, kann er auch nicht aus Handlungen erfolgen.

Unfall und Zufall, beide accidents treffen sich nicht nur auf englisch. Letztlich ist es kaum folgerichtig, einen Unfall einen Zufall zu nennen. Ein Unfall ist per definitionem eine Verkettung unglücklicher Umstände, kausal, aber nie intentional erklärbar. Der Zufall dient als Alibi der Planenden und erweckt den Anschein, das Gewebe von Transaktionen und Maßnahmen, in die das Leben verwandelt wurde, lasse für spontane unmittelbare Beziehungen zwischen den Menschen Raum.

Wir sträuben uns gegen die Idee, dass nichts Faktisch sein muss, dass nichts Gegeben ist. Es ist schon komisch, wie unsere säkularisierte Gesellschaft plötzlich dem Gott des Gegebenen huldigt: sicher gibt es strukturelle Zwänge, Ungerechtigkeiten zuhauf, aber die ontologische Determiniertheit, mit der der Zufall und damit die Möglichkeit aus dem Spiel geworfen werden, lässt mich schaudern. Um unsere Kausallogik zu verteidigen, sagen wir ständig „es ist kein Zufall, dass…“ oder „nicht zufällig ist es so…“. Alles muss intendiert, beabsichtigt, gerichtet sein, nichts darf „bloßer Zufall“ sein. Mit dieser Abwertung des Zufalls wird er zu etwas, das zivilisatorisch überwunden gehört. Wenn wir uns anstrengen – so der implizite Glaube – wenn wir alle Naturgesetze entschlüsselt haben, aller Empirie eine Wahrscheinlichkeit unterlegt haben, brauchen wir den Zufall nicht mehr. Er ist nur ein Hilfskonstrukt unserer Unzulänglichkeit, das eingestandene Versagen der Vernunft, eine ungestochene Abstraktionsblase. Dabei ist der Zufall durchaus basisdemokratisch: alle Gleichheit hat ihren Grund in der Gleichheit vor dem Zufall, gezeugt und geboren worden zu sein.

Wenn Zufall, dann aber sowas wie Serendipity, ein glücklicher Fund auf dem Flohmarkt, ein unbeabsichtigter Gedanke oder ein Geschenk, dass ja auch ‚zufällig‘ zu sein hat: Im Gegensatz zu einer beabsichtigten Produktion und Aneignung hat das Gefühl des Beschenktseins eine ästhetische Notwendigkeit im zufälligen Vorfinden. Der Begriff Serendipity geht übrigens zurück auf den englischen Schriftsteller Horace Walpole, der das Wort 1754 in einem Brief auf ein persisches Märchen von drei Prinzen auf Sri Lanka bezog, die eigentlich rein gar nichts suchten und dennoch lauter zufällige Entdeckungen machten. Auf Persisch hieß die Insel seinerzeit „Serendip“.

Katrin Passig zum Beispiel ist eine Art Aktivistin des Zufalls. Auf ihrem Techniktagebuch kann man sich nicht nur einen Zufallsbeitrag anzeigen lassen, sie vertreibt auch T-Shirts mit zufällig ausgesuchtem Spruch drauf, den man aber sieht, bevor das Shirt im Einkaufswagen landet.

Dennoch bleibt es dabei: Die meisten Menschen mißtrauen dem Zufall. Natürlich kann man dem Zufall nicht wirklich vertrauen, da er etwas ist, was als Logik ungelöst oder kalkuliert ist. Interessant dabei: Alles soll allgemeinen Gesetzen gehorchen, nur der Mensch nicht. Seinen freien Willen will er nicht einem Prinzip opfern, dessen Kausalität unzureichend geklärt ist. Und dennoch: Zufällig soll unsere freie Wahl auch nicht sein. Es war Kant, der als Lösung vorschlug, dass es sich bei Willensfreiheit dann eben um das Vermögen handelt, einen Zustand von selbst anzufangen.

Die Norm ist der reproduzierte Zufall: die kleine oder große Differenz, welche der Zufall zwischen Planen und Gelingen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wollen und Bewirken legt. Walter Benjamin hat ein schönes Bild für den Zufall gefunden: Er erzählt von der Lehre des Epikur, dessen alte Götter sich in den Intermundien aufhielten, jenen leeren Räumen zwischen den Welten, wo sie nichts ausrichten konnten. Der Sitz des skeptischen Betrachters – so sagt er – ist in jenen Intermundien der Weltgeschichte, die man Zufall nennt.

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#gelesen:

Ein Artikel von jemandem, der GoT nie sehen wollte. Und es dann doch tat. Pros & Cons auf unnachahmliche New Yorker-Weise

http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/18/the-raw-appeal-of-game-of-thrones

KW 16

Über Trauer

Prince. Jetzt ist der zweite Musiker gestorben, dem ich Ganzkörperanzüge in Plastik geglaubt habe. Der sich selbst nie in die Erzählung eines Comebacks einschreiben musste. Der immer gearbeitet hat, egal unter welchen Namen oder Symbolen (sowieso nur die Folge von Warner-Schikanen). Eric Clapton wurde einst gefragt, wie es sich denn anfühlt, der beste lebende Gitarrist auf der Welt zu sein. Er sagte: Keine Ahnung, frag Prince. Prince war neben Al Green der Meister der Sexmusik. Man kann nur ahnen, auf wievielen XXX-Playlisten er stand. Peter Breuer sagt:

Popmusik fängt an, wenn das Verlieben beginnt. Das ist Teil der menschlichen DNA. Die Bands oder Musiker, für die man sich in dieser Zeit entscheidet, sind wie die erste unglückliche Liebe, der erste Kuss und der erste Sex – Vergessen unmöglich.
https://peterbreuer.me/2016/04/22/no-beginning-and-no-end/

Und das Netz trauert. Wie bei Bowie. Gemeinsame, performative Trauer, die massenhaft alles hochspült, was das kollektive Gedächtnis längst verdrängt hatte: Prince in der Muppet-Show, Prince in Dessous auf der Bühne, alles in lila Regen. Allein der YouTube-Gema-Disput macht dieser Form der Trauer einen Strich durch die Rechnung: Jeder Hit auf YouTube ist gesperrt oder nur in schlechten Coverversionen verfügbar. Aber manchmal auch in guten.

Wenn das Netz trauert, weint es nicht. Es spricht, postet, erinnert sich. Man weint vielleicht im neuen Facebookemoji, aber wichtiger ist die kollektive Würdigung des Gehörten, Gelesenen, Gedachten. In seiner ausschnitthaften Auffindbarkeit wird ein komplettes Lebenswerk in die sozialen Medien gespült, und man versucht, wie früher im Plattenladen, den geheimsten, seltensten Fund zu tätigen: Die alte Bootlegplatte ist nun das schwarzweiße Video seines ersten öffentlichen Auftritts, die rare Pressung das erste Rolling Stone-Interview. Ein Politico-Beitrag nennt diese Form der Trauer „to out-sad one another“. Ich seh das anders. Man erinnert sich und fahndet nach dieser Erinnerung. Nur jetzt im Internet.

Ich mag das ja: Twitter & Facebook werden zum Kondolenzbuch und man kann stundenlang Prince oder David Bowie hören, an Robin Williams Filme erinnert werden und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Klar ist das kein neues Phänomen: Zu Victor Hugos Beerdigung kamen Millionen Pariser, bereits die Griechen und Römer haben riesige Beerdigungen organisiert. Neu ist der partizipative Moment des Netzes: Du – als Postender – bist Teil der Trauergemeinde, auch wenn es nur ein schnödes RIP ist. Du trägst durch deine Beiträge, die geteilten Interviews und Videos etwas bei, kannst in der Hilflosigkeit der Trauernachricht produktiv sein. Du kochst kein Essen für die Kernfamilie, aber du feierst Talent, das jäh zum Erbe geworden ist.

Ich finde diese Art kollektiver Trauer nicht billig, nur weil es wahnsinnig bequem ist. Man muss nicht mal aufstehen. Ein paar Klicks, schon ist man dabei. Richtig bleibt natürlich, dass es

eigentlich nicht der tod sein (sollte), der uns an unsere lieben, die lebenden oder unsere leidenschaften erinnert.
http://wirres.net/article/articleview/9730/1/6/

Als Internetphänomen wird der Tod von Celebrities immer anders betrachtet werden als jeder andere Tod, der nicht öffentlich gehandelt wird. Öffentlich halt. Eine öffentliche Person wird öffentlich betrauert, so lauten die Spielregeln, die sich mit den Regeln des Netzes paaren. Das Internet hat die Fähigkeit, jedes Ereignis, selbst den Tod, zu einem sozialen Trend zu machen. Und ist es nicht auch ein kleiner demokratischer Akt, ein Stück Selbstermächtigung, etwas ‚trenden‘ zu lassen?

Im Englischen gibt es den Unterschied von grief und mourning, zwischen innerer und äußerer Trauer. Wenn wir in Posts das Leben von Prince oder Robin Williams, oder David Bowie Revue passieren lassen, befinden wir uns aufmerksamkeitsökonomisch immer auf der sicheren Seite, da content umso interessanter wird, wenn er likeable und teilbar ist. Das Gesetz der Nachfrage schütz die Trauer. Die Ausgesetztheit des Netzes, mit jedem Post eine mögliche Angriffsfläche zu bieten, fällt bei öffentlicher Trauer weg. Solange man die ‚richtigen‘ Menschen betrauert fällt man weich in die offenen Arme des klagenden Internets.

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#gelesen:

Die ‚Geburt‘ des Neoliberalismus und seine Folgen: Toller Artikel, der jede Wirtschaftswissenschaftsvorlesung bereichern würde:

http://www.theguardian.com/books/2016/apr/15/neoliberalism-ideology-problem-george-monbiot

#gesehen:

2016-04-24 19.53.32

KW 15

Über Familientreffen

 

„Wenn ein Mitglied der Familie sich die Haare färben lässt,
mag das in der Familie Aufsehen erregen. Aber es wäre
doch unrealistisch, anzunehmen, daß die Familienmitglieder
dies deshalb beachten, weil die Familie gefärbt worden ist.“
Niklas Luhmann, Sozialsystem Familie.

„Magst a Stück Zeit“ sagt er und teilt sich mit ihr die Zeitung. Ich sitze in einem Zug aus Leipzig. Dort war die letzen Tage ein Familientreffen von S. Man hätte da auch gerne noch Zeit gehabt, eine andere Zeit, anders gruppiert und anders organisiert: Ankommzeit, Kennlernzeit, Zweierzeit… vielleicht 6 x 2 Stunden, wie letztes Jahr, als sich die Familien von 400 Süd- und Nordkoreanern trafen.

Hatte man aber nicht. 13 Personen unterschiedlichen Alters und Verwandtschaftsgrades saßen also drei Tage lang zusammen und versuchten, den kleinsten gemeinsamen Konversationsnenner zu finden: Bier ging gut und Autos gingen gut, Fußball sowieso und Wetterapps waren auch sehr beliebt. Wohl auch, weil sich das weitere Programm danach ausrichtete. Nur nach Sichtung von vier verschiedenen Apps konnte der durchs Fenster scheinenden Sonne endlich vertraut werden. Dann ging man los.

Kleine gemeinsame Konversationsnenner gibt es sicher in jeder Familie und ich wage die These: es sagt etwas über die soziale Selbsteinschätzung der Familie aus, wenn man diesen Gesprächen zuhört.
In meinem Fall schienen es Menschen gewesen zu sein, die – trotz hart erarbeiteten kleinen Wohlstands – stolz „auf dem Boden geblieben sind“. Sie lebten größtenteils bürgerlich, waren gutgelaunt und mochten keine intellektuellen Aufschneider. Ein wenig inwendig schien alles: Kleine Männer und Frauen, die sich in einen großen, etwas schweren Körper zurückgezogen haben.

Man problematisierte Hotelketten und sprach über Comfortzimmer bei Mercure, die kleiner und schlechter equipped seien als NH Hotels und ließ Frühstücke miteinander konkurrieren. Man zimmerte an einem Selbstbild, dass nie aus Arbeit, sondern aus Rügen bestand, oder aus Italien, jedenfalls aus Urlaub. Das, was erzählbar war, war nicht das, was man jeden Tag machte, sondern das, was man nur einmal im Jahr tat. Die kleinen Fluchten, die – weil viel zu kurz – kommunikativ aufbereitet und wiederholt werden mussten.

Man fand sich in Referenz auf die Vergangenheit und der erste Abend war davon geprägt, alte Wissensbestände auf ihre Aktualität hin abzuklopfen: S., der es einmal gewagt hatte, bei einem anderen Treffen nach 12 Uhr draußen gewesen zu sein, war in der Wahrnehmung der meistem immer noch der enthemmte Teenager, die personifizierte jugendliche Übermut, dem nun jedes Bier anekdotenhaft vorgehalten wurde. Da es nur zwei waren, musste die Folie angepasst werden. Fortan wurde alles kommentiert, was seinen Teller fand, da er ebenfalls gerne und gut isst.

Nach drei Tagen hatte ich das Gefühl, es gibt – zumindest für Außenstehende – zwei Kommunikaionsstrategien für Familientreffen: Anekdotensammeln und Legendenbildung. Erst wird versucht, alles zur Anekdote zu machen, den Mensch auf seine Erzählbarkeit zu reduzieren und dann wird die Anekdote so lange geprobt, wiederholt und aufgeführt, dass sie beim nächsten Mal zur Legende reicht. Es herrschte über alldem eine herrlich leere Sorte Frieden. Man feierte Familie als Klammer vor der Welt, als Hort und Rückzugsraum vor der Unbill des Alltags.

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#gelesen:

http://dummy-magazin.de/issues/50-idioten/articles/941

 

#gehört:

KW 14

Über Entscheidungen

Wenn man sich entscheiden muss, ist es ja selten so, dass man wirklich an einem Weg steht, der sich gabelt und man nur einen Fuß vor den anderen setzen müsste.
Was man verhandelt, was man abwägt und überlegt, sind Vorstellungen, Projektionen, ‚was wäre wenn…‘-Gedanken. Die Stimmungen sind klein und unverbunden. Oft bekommt man den Rat, in sich reinzuhorchen, genau auf seinen Bauch zu achten… Meine Erkenntnis daraus: er ist zu rund und reden tut er nur, wenn er Hunger hat.

Aus allem wird so ein Märchenwald, alles wird aufgeladen und subjektiviert und in dein Inneres verlagert, dabei ist mein Inneres schon ganz schön vollgestellt. Ich weiss, dass das innere Auskundschaften eine Metapher sein sollen, doch für was?
Was soll man tun, wenn sich nichts irgendwie ‚anfühlt‘ und du dir keine Plus- und Minuslisten machen kannst, weil sich nicht alles in Plus und Minus unterscheiden lässt? Gucken, was kommt, wenn man sich entschieden hat? Das wäre salomonisch, birgt aber die Gefahr der Irreversibilität. Manchmal kann man nämlich nicht hinter die Entscheidung zurück, wenn sie sich als falsch herausstellt.

Deswegen kopiert man Entscheidungen und die Vergangenheit wird noch ein Stück weit verlängert. Man weiss, dass es schon mal so gelaufen und gut gegangen ist, nicht notwendigerweise bei einem selbst, sondern bei anderen.

„Die Kopie ist die höchste Form der Orientierung am Bestehenden und zugleich ein Offenbarungseid, ja «der Tod», wie es da Vinci ausdrückte. Jede Kopie ist eine Kapitulation vor der Autorität des Anerkannten.“

Milosz Matuschek, Generation Fake: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/generation-y-generation-fake-ld.10863

Es ist die alte Sehnsucht nach dem Leben anderer Menschen. Ein Ausfallschritt, man wird das, was im Englischen gerne mit „excellent sheep“ umschrieben wird. Stabilität wird versprochen, aber nicht gehalten, weil sich Entscheidungen eben nicht in ihren Konsequenzen kopieren lassen.

Gestern war ich in einem Film. Colin Farrell musste ein Tier wählen, in das er verwandelt werden würde, wenn er die Liebe nicht in 45 Tagen findet. Er wollte ein Hummer sein. Er wollte, so die Selbstauskunft, im Meer leben und 100 Jahre alt werden, von blauem Blut und immer noch fruchtbar sein. In einer Szene wirft ihm Ben Whishaw diese Wahl vor: Hummer sind überfischt, kaum mehr zu kriegen, du wirst keine 100 Jahre, du bist eine Delikatesse (ich paraphrasiere hier ein wenig). S., mit dem ich im Kino war, wollte übrigens ein Elefant sein. Aus den üblichen Gründen.

Wenn wir uns entscheiden, kommen immer einförmige Flächen, Ausdehnungen, an denen wir notwendig kleben, solange sie dauern. Wir nuckeln die Milch dieser Pausen, bis sie vorbei sind und wir weitermüssen.

Entscheiden ist immer auch geistiges ummöblieren. Wobei ich gar nicht weiß, ob Entscheidungen jedes Mal bewertet werden sollen, richtig oder falsch sind ja letztlich immer Urteile, eine Notenvergabe, die unser selbsterlebtes Leben in Kapitel zwängt. Wir geben vor, einer Wahrheit zu dienen, bescheiden ihre Treppen zu bauen. Dabei produzieren wir Wahrheit, sie ist nichts, das erlangt, sie ist etwas, das getan wird. Auf meinem Facebookprofil steht immer noch der 2008 gewählte Satz „ich setzte einen fuß in die luft … und sie trug.“ Ein Gedanke: Man weiß immer erst – trotz virtueller Einrichtungsprogramme – ob das Sofa in der Ecke gut aussieht, wenn es dort steht.

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#gelesen:

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/generation-y-generation-fake-ld.10863

#gesehen:

 

#gehört:

 

KW 13

Über Hüllen

Letztens saß ich auf einer Couch, aber nicht direkt auf der Couch, sondern auf einer Decke, die über ihr lag. Links und Rechts von mir saßen Kissen und Kuscheltiere. Meine Füße standen auf Teppichboden, auf dem Teppich lag und ich blickte aus einem Fenster, aus dem man nicht blicken konnte: Kniend an der Fensterbank hätte ich hocken müssen, um etwas vom Draußen reinzubekommen, zwei Lagen Gardinen und ein Rollo stoppten mich. Unnötig zu erwähnen, dass auch die Wände doppelt und dreifach waren: Wand,  Mustertapete, Bild, oder auch etwas anderes, was man in den Dekoabteilungen von Kaufhäusern findet. Motivisch war alles hübsch, friedlich, harmonisch, in etwa so.

Man sah Natur in gut, Fotos in der ausgehöhlten Logik von Werbeanzeigen, eine Natur, die jeglicher Lehnstuhlexkursion eine sichere Rückkehr garantiert. Alles was stand, hatte eine Hülle: der Tisch eine Decke, der Stuhl eine Husse. Jede Hülle machte mich ein wenig ratloser und ich fragte mich, was diese Hüllen sollten. Bis ich ahnte: Die Hüllen sind Haut. Und je mehr Hüllen, desto dicker die Haut, desto sicherer der Körper, desto mehr Schutz vor dem Außen.

Man baut sich ein; wie im Film ‚Home‘ von Ursula Meier, wo eine Familie, deren Eigenheim an eine Autobahn grenzt, beginnt, sich schallzuisolieren: Am Ende werden auch die Fenster zugemauert.

Die engen, immer gleichen, überladenen Zimmer ließen mich daran denken, was Anthropologen ‚materielle Kultur’ nennen: Wie Menschen sich kleiden, die Objekte, die sie an ihren Wänden hängen haben oder die sich auf ihren Tischen stapeln. Denn diese Art von Mimikry bietet Schutz. Als Kulturtechnik des sozialen Zusammenhalts, als Form, Eigenes von Fremden zu scheiden, sind die Menschen und die Räume zusammengewachsen, eine Einheit, ein Begründungszusammenhang geworden.

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In der Bahn, wenig später: Ganz viel mobiles Device, aber auch: ganz viel Schutz: Ich sah eine Vielzahl von Hüllen, geblümter deckenartiger Schutz, aber auch hartverschalte Maxicosis für die Tablets um mich rum. Bauen Apple und alle anderen absichtlich Dinge, die man beschützen muss, die ganz schnell verschleißen, wenn man sie ungeschützt lässt? Warum? Damit man sie wie Babys behandelt, die man bewahren muss oder wie Geschenke, die man auspacken kann?
Vielleicht ja auch beides: das hätte nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen psychologischen Effekt, da man als Erstes, wenn man ein solches Gerät kauft, in seinen Schutz investieren muss, sicherstellen muss, dass es ihm gut geht. Auch mein mobiles Device hat einen Schutz. Naja, eigentlich zwei: Winter- und Sommerbekleidung.

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Wie bei meiner Begegnung mit dem belegten Wohnzimmer liegt das Bizarre nicht in der Fremdheit der Dinge, sondern in ihrer Vertrautheit.

Es gibt einen Roman von 1884, dessen Protagonist ein „anämischer Adeliger“ ist, der diesen Zustand schön versinnbildlicht: Seine Wohnung ist voller die Kunstdrucke von Moreau und Redon – die Wasserfälle des 19. Jahrhunderts –, er zieht sich immer mehr aus der Welt zurück, reist nur noch mit Bildern und Büchern. Joris-Karl Huysmans, der Autor, sagt von ihm:

 

„Fortbewegung kam ihm ohnedies überflüssig vor, die Vorstellungskraft schien ihm leicht die vulgäre Realität der Tatsachen ersetzen zu können.“

Joris-Karl Huysmans, Gegen den Strich, München 1995, S. 31.

 

KW 11

Über Angst

Auf Wahlsonntag folgte Wahlmontag & Dienstag & Mittwoch und jeder redete über die neue Partei, die es ’so richtig‘ erst ab dieser Woche  gibt. Auch ich war Sonntag fassungslos und Montag versuchte ich mich schon in Analysen. Gleichzeitig las ich das unratifizierte Parteiprogramm der AfD, das Correctiv recherchiert hatte. Meine Fassungslosigkeit nahm zu.

Lisa Rank schrieb:

Ich will nichts mehr von diesen “Ängsten” lesen, denn die wahllose Verwendung des Wortes, auch von den Medien, bagatellisiert die von Rechtsextremisten aus diesem Gefühl gezogenen Konsequenzen, und das halte ich für falsch. Man kann sich immer entscheiden.

Man kann aus oder gegen die Angst handeln. Man kann sich entscheiden. Am Wochenende wurde aus Angst gewählt, in einer Gesellschaft, die viele existentielle Ängste gar nicht mehr kennt. Aber Angst ist auch eine anthropologische Konstante und sie wird immer da sein, in saturierten Gesellschaften entzündet sie sich aber an anderen Dingen: Gluten zum Beispiel (Lieblingsheadline: „Wenn das Brötchen Verwirrung stiftet“). Oder Geflüchteten. Wenn Kinder Monster unter dem Bett vermuten steht in jedem Erziehungsratgeber, dass man zusammen mit dem Kind nachsehen soll, ob sie wirklich da sind (es gibt aber auch Monsterspray). Wie würde das AfD-bezogen aussehen?

Was man nicht vergessen darf: Angst essen Seele auf. Das wusste schon Rainer Werner Fassbinder. Aber essen ist nicht gleich essen. Und Angst nicht gleich Angst. Sie kann nagen, knabbern, beißen. Angst schluckt, würgt und vereist. Und es gibt imaginäre und konkrete Ängste, Objektängste und „Ängste am Phantasma“.
Eins ist vielen Ängsten gemeinsam: sie arretiert, stellt fest, macht unbeweglich. Die Fluchtalternative ist unpopulär geworden, lieber zieht man sich zurück, wählt rechts und schränkt sich ein.
Und Ängste sind manchmal auch so klein, dass man sie kaum erkennt: wenn man im Restaurant ausschließlich Gerichte bestellt, die man kennt. Wenn man sein Kind immer im Augenwinkel hat. Wenn man verreist, ohne zu reisen, sondern sich nur in bekannte Kettenbetten mit allinclusive legt. Auch dann hat man Angst.
Man nennt es vielleicht Bequemlichkeit und ich bin auch ein großer Fan dieses Zustandes. Aber kann ein angenehmer Zustand, eine berechenbare Zukunftsperspektive – und sei es nur ein Frühstücksritual – die Angst bannen?

Kurzfristig, ja, aber institutionalisieren wir in unseren Vermeidungsstrategien nicht auch das, was wir vermeiden wollen? Lässt Angst sich wegbuchen? Die eben genannten Bequemlichkeitsphänomene haben ganz wesentlich mit Kontrolle zu tun. Einer Kontrolle, die uns von der Angst genommen wird. Wir haben natürlich keine Kontrolle, aber wir brauchen das Gefühl, sie zu haben. Menschen die immer nur zurück wollen legen die Zukunft in Fesseln. Und wenn wir Kontrolle wollen, werden wir zu Opfern, zu Aktivisten der Angst, denn:

Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit. Es immunisiert gegen jegliche Kritik. Der Mensch, der sich als Opfer versteht, hält sich fern von der schmutzigen Geschichte der Macht, er wünscht nicht, an ihr Teil zu haben. Und will dies als Unschuld verstanden wissen. Das ist Erpressung. (…)

Weil unsere Gegenwart von Subjektivität und Gefühlen durchtränkt ist, gibt es massenhaft imaginäre Opfer. Wer die gefühlte Unschuld und Wahrheit auf seine Seite bringt, wer sich als verletzt zeigt uns seine Geschichte erzählen will, der macht das Rennen, der hat die Macht.

Man kann von Daniele Gigliolis Buch Die Opferfalle sehr viel über das heutige Deutschland lernen.