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arbeit am phantasma

Kategorie: Uncategorized

KW 35

Über Island

Abflug: 6:35 Uhr

Ich bin müde genug, am Flughafen das An- und Abfahren der Taxis für Ballett zu halten. Gelb-weißes Lichtballett. Die Schlieren reichen bis an die Sicherheitskontrolle, wo man versucht, den Düsseldorfer Flughafen zu einem Street-Food Market zu machen. Ein Street-Food Market. Im Flughafen. Melonengesichter und Müdigkeit versöhnen mich kurz.

Das Flugzeug zeigt mehr Karohemden als üblich. Große und kleine, auffallend oft in den Landesfarben Blau-Weiß-Rot. Meine App zeigt an allen verfügbaren Tagen für Reykjavík Regen an. Ich will in der Sonne, über den Wolken bleiben. Aber nein, Sinkflug in die milchige Suppe, dann da.

Reykjavík ist winzig. Vor allem als Hauptstadt, wo ja auch so einiges reinpassen muss: ein Parlament, verschiedenes Ministerien, Versicherungsanstalten und so. Ich las im Flugzeug von der großen Einkaufsstraße Laugavegur, man stellte sich die Regent Street in London vor, meinetwegen auch die Kö. Was man bekam: lauter kleine Läden hintereinander, maximal dreistöckig, Islandpullis und Trollsticker. Keine Highstreet-Läden, dafür Highstreet-Souvenirs, bestehend aus Papageientauchern als gefilzte Puppe, Schlüsselanhängern mit Elfen drauf und der unverschämten Ausbeutung des Inselumrisses. Aber die Harpa ist toll.

Essen allerdings ist schwierig. Kann man sich eigentlich nicht erlauben. Pommes kosten 10 Euro. Also kochen wir und versuchen, Geschmack aus Gemüsen zu extrahieren, deren Anfahrtsweg unseren übersteigt. Nach einem regnerischen Ausflug in alle Kunstmuseen und einem beeindruckenden Beispiel an protestantischer, monumentaler Kargheit geht es rauf. Nach Stykkishólmùr.

Ein Land aus Eis und Feuer. Es brodelt und schmilzt. Gletscherverluste werden in neuen Sagas besungen werden, zwei Millionen Touristen im Jahr werden den Klimawandel nicht aufhalten. Man präpariert sich langsam, überlegt eine Art Kurtaxe für kostenlose Naturwunder wie den Geysir oder Gulfoss einzuführen, überlegt die Erweiterung von Straßen, von Parkplätzen, von Flugrouten. Was man nicht überlegt, ist die Produktion von Wollartikeln zu steigern. Davon gibt es genug. Es reicht ein kurzer Blick in die Geschäfte von Reykjavík: man wird von gezackter Wolle erschlagen. Islandmuster an Armen, Beinen, Köpfen. Menschen sind in Island entweder funktionsjackenbunt oder in Wolle gezackt. Wobei die Kälte und der Wind schon sehr ostfriesisch sind. Man muss sich immunisieren.

Wenn man Wärme dafür sucht, sollte klar sein, egal, ob du duschst oder kochst oder dich einem Geysir näherst: Schwefelgeruch ist unvermeidbar. Andererseits beheizt die Geothermalenergie ganz Island. Und mehr als das: Island produziert in seiner unruhigen Kruste sogar mehr Energie, als es brauchen kann. Eine Pipeline nach Großbritannien ist in Planung.

Wir fuhren raus: Die Natur hat etwas Vorzeitliches, Urzeitliches. Etwas, was aus der Zeit der Landnahme zu stammen scheint. Die wuchernde Lupine, die violette Blütenflecken in die Landschaft streut, die moosbewachsenen Felsen, deren Bergsteigerambitionen ein Ringen um Höhe ist. Das Land hat Schuppenflechte und manchmal sieht es so aus, als hätte sich ein Troll die Stiefel ausgeschüttet.

Berge, Pferde und Schafe teilten sich die Sicht. Hohe, schwere Wolken behaupteten die obere Hälfte. Als wären sie immer schon da gewesen, liegen sie grau und unbeweglich in den Bergen, mal tropfen sie sprühend, mal nicht. Bevor die Amerikaner auf dem Mond gelandet sind, fuhren sie probehalber nach Island. Gesteinsproben sammeln und so. Bei so viel spitzer vulkanischer Erde beginnt man zu verstehen, warum. Es ist wirklich so baumlos, vulkanisch, fast wie eine Mondlandschaft. Und die Farben sind fantastisch. Vielleicht liegt das nicht nur am Licht, sondern auch an der schwarzen Erde, die wenig Licht reflektiert, so dass die Farben intensiver sind.

Mittendrin: Autowracks, klirrende Totalschäden, aufgebockt in der Landschaft. So warnen die Verkehsbehörden vor Alkohol am Steuer. Mit echten, monolithisch inszenierten Unfallfahrzeugen als riesengroßen Warnschildern.

Aber die Schäfchen sind cool. Stehen am Berg wie ne 1, wie hingeworfen, bezwingen jede Steigung. Nur der Kopf grast und ist nicht festgetackert worden. Und es sind dicke Schafe, voller Wolle und feuchten Dreadlocks.

Und immer wieder Staunen: wenn ein Berg von einem perfekten Regenbogen umrundet wird und du sein Ende siehst, wenn die Sonne für Sekunden die Wolken öffnet und ein Bild auf die Wasseroberfläche malt, wenn Geröll so bizarr aufeinander getürmt ist, dass man statische Logik vergisst.

Als ich abfliege, regnet es wieder. Mein Roman ist ausgelesen, mein Konto nicht mehr ganz so schwarz und ich muss über die Aussage einer Bekannten nachdenken, die sagte:

„Wenn du nach Island fährst, hälst du die Vorstellung von Elfen und Trollen für weniger absurd.“ „Da ist ja nix“, sagte sie, „an irgendetwas muss man doch glauben, wenn da nix ist und die Erde brodelt.“

Bilder hab ich auch gemacht.

KW 25

Über Ignoranz

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Nun ist er da, der #Brexit. Und auf einmal sind alle reumütig und zerknirscht. Eine Petition der Nichteinverstandenen wird initiiert, Schottland bröckelt und die EU verhält sich wie ein gekränktes Kind… So haben wir das nicht gewollt, sagen sie, wir wussten nicht, was kommt: nach einem halben Tag. Wir wissen auch nicht, was kommt. Für mich steht allenfalls fest, dass Großbritannien nicht aus 52% nationalistischen Idioten besteht, sondern dass die EU als Sammelbecken für viele Unzufriedenheiten diente. Dass sehr verschiedene Partikularinteressen existierten, die man radikalisieren konnte (einen guten Überblick findet man hier). Und dass Cameron letztendlich seinen parteipolitischen Poker nicht nur mit seinem Amt, sondern auch mit der Zukunft des Landes, dem er vorgab zu dienen, bezahlte. Ignorant an dem Ganzen ist, dass es keine wirklich positive Wahlentscheidung geben konnte: Die ‚In‘-Kampagne baute auch auf Angst, drohte damit, was für ökonomische Nachteile ein Brexit haben würde, aber eine positive Vision, europäische Errungenschaften? Nicht vernehmbar.

„Mit der Erweiterung des Blickfelds wird die Welt kleiner“ schrieb Gisèle Freund in Photographie und Gesellschaft. Kleiner, ja, weil sie näher zusammenrückt, aber auch voller. So voll, dass es Menschen gibt, die mit Ignoranz reagieren. Und Ignoranz ist sicher auch ein wahlentscheidendes Moment am Freitag gewesen.
Ignoranz ist keine passive, sondern eine aktive Eigenschaft; sie bezeichnet eine bewusste Abkehr von Wissen, keinen unbewusst Unwissenden. Ignoranz ist ein Filter, der mit voller Absicht dem Filter aufgesetzt wurde, der jeglichen Reiz, jegliche Information siebt: Dem Gehirn.
Unser Gehirn ist nämlich auch ignorant. Wir filtern unglaublich viel, ohne zu wissen, was. Es gibt Menschen, die haben feinere, und Menschen, die haben gröbere Filter. Und feinere Filter heißt weniger Input und größere Ignoranz. Erst das, was durchkommt, kann Bedeutung erlangen, erst dann wird es relevant, bekommt Nachrichtenwert. Diese Filter arbeiten übrigens wirklich nach dem ‚News‘-Prinzip: Neue Reize werden schneller und intensiver transportiert als wiederholte, bereits gekannte Reize. Das Ergebnis solcher neurologischen Abläufe ist das, was z.B. bei emotional aufgeladenen Bildern passiert. Der Betrachter ist es irgendwann leid, zu leiden. Er hört auf damit, wird der Bilder überdrüssig und kann nun das Gezeigte viel leichter ausblenden.

Der Gedächtnisfilter, so schreiben die Forscher, sei vergleichbar mit einem Pförtner: Er sortiert die hereinkommenden Informationen vor und ermöglicht es dem Arbeitsspeicher so, sich nur auf die wesentlichen zu konzentrieren. Gleichzeitig verhindert er, dass nicht benötigte Daten die begrenzten Ressourcen des Gehirns belegen. Aber was unnötig ist oder nicht, ist nicht klar definiert. Allerdings liegt die These nahe, dass in einer übersättigten Informationsgesellschaft Ignoranz deshalb zunimmt, weil der Arbeitsspeicher voll, die Filter verstopft sind. Reduzierte Argumente, ein klar verständliches Welt- und Feindbild, die Beliebtheit rechtspopulistischer Ideen: Vielleicht kein Zufall.

Will man wieder zum Fußgänger der Medien werden? Letztlich kann man Informationen nicht zählen, weil jede Einheit qualitativ ist. Eine unzählbare Menge an Sigularitäten. Wenn man diese Qualität herstellt und die Nachrichten nicht als reine Quantität, als Welle, als Masse wahrnimmt, kann man auch besser damit umgehen.

Schlimmer als Ignoranz aus Überforderung ist aber Ignoranz als Haltung: „Es ist nicht cool, nicht zu wissen, wovon man spricht“ Dieses Zitat ist von Barack Obama überliefert. Er hielt es für notwendig, in einer Abschlussrede eines Colleges darauf hinzuweisen, dass es nicht cool ist, nicht zu wissen, wovon man spricht. Find ich auch nicht cool, aber noch uncooler ist doch die scheinbare Notwendigkeit, Collegeabgänger darüber informieren zu müssen. Die Medien griffen es – sicher nicht unberechtigt – als kaum verschleierte Trump-Kritik auf. Ignoranz als Türsteher der Intoleranz zu denunzieren, ist natürlich weder unzulässig, noch falsch. Was mich wundert, erschreckt und in diesen trumpmultigen Zeiten zusammenzucken lässt, ist, dass der ‚Führer der freien Welt‘ Weisheiten wiederholt, die in Kinderbüchern gelehrt werden. Keine Mauern, wie von Trump als Grenze zu Mexico vorgeschlagen, keine Abschottung angesichts der lokalen Folgen der Globalisierung, sondern Öffnung, Hilfe und Verständnis für ihre Abläufe schlägt er vor:

Das hat nichts damit zu tun, echt zu sein oder Dinge beim Namen zu nennen. Da wird der politischen Korrektheit nicht die Stirn geboten. Das ist schlicht Unwissenheit.

So geht das Zitat weiter. Echt als Gegensatz von Wissen? Really? Als ob unser allerauthentischstes Selbst befleckt wird durch Information, Wissen als feindliche Übernahme des ‚unschuldigen‘ Ichs fungiert. „Dinge beim Namen nennen“ ist auch so ein Euphemismus. Wahrheit ist – falls sie existiert – selten einfach und noch schwieriger auf den Begriff zu bringen, wobei diese Formulierung ja auch Mut und Ignoranz korreliert. Wenn es Mut braucht, um ignorant zu sein, dann nur den zweifelhaft fremdschämenden Impetus, die eigene Dummheit öffentlich zu machen.

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#gelesen:

„Und so dies Leben, eine süße Form der Ignoranz,
Die niemand missen will zunächst, und später,
Wenn sie Routine wird und Konsequenz und Krise,
Ein Rendezvous mit immer neuen zähen Viren,
Braucht es, das durchzustehn, den Virtuosen.“
Durs Grünbein, Parenthese für Optimisten

 

KW 23

Über Wien

Es ist schon sehr plüschig, dieses Wien. So Rot und Gold, samtig und glänzend. Dafür sitzt man in S-Bahnen nicht plastikvollverschalt sondern gepolstert, man kann sogar die Fenster öffnen, nur herauslehnen ist verboten. Und der Zug macht Werbung für den Zug: bald kannst du für wenig Geld in Bratis’lover‘ oder Györ sein (gut, dass es hier kein Wortspiel gab), das kakanische Reich zeigt sich barock vereint und leicht erreichbar. Erreichbar übrigens mit dem Wiesel, so heißt der City Schnellzug, ist auch nen Wiesel drauf, aber in Wien geht’s ja nicht in die City, sondern in die Sieti.

Kinder österreichisch sprechen zu hören ist immer wieder befremdlich. Akustisch klingt diese Sprache nach fugenlos fließender Zeit, einer Zeit, die nichts mehr will, sich nichts mehr anmaßt, eine Zeit, die ihre eigene Gemütlichkeit vertont. Übermittelalte Männer, wie Josef Hader und Harald Krassnitzer, die dürfen österreichisch sprechen, aber Kinder… ich bin dann immer gezwungen, an diese Krankheit zu denken mit der Schnellvergreisung, Progerie.

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Neben dem Tagungsmuseum steht ein Eisenmanm. Mit Rüstung und Helm, sehr groß, sehr martialisch. Doch das Eisen bekommt Punkte, wenn man sich nähert. Es sind Nägel. Eine Tafel gibt Auskunft: diese hölzerne Figur wurde geschaffen, um Ende des ersten Weltkrieges die Witwen und Waisen von gefallenen Soldaten zu unterstützen. Man konnte Nägel kaufen und sie dann einschlagen.

Man reagierte auf den Tod von Menschen, indem man Nägel in eine Puppe schlug. Ist das bereits das Gegenteil einer imitatio christi? Weil man nicht sich selbst annageln lässt, sondern annagelt? Was für eine Art Substitut, was für eine kompensatorische Funktion hat dieser Akt? Eine Konferenzteilnehmerin wusste von diesem ‚Brauch‘ und ergänzte, dass es auch andere benagelte Figuren gab und eine Hierarchie der Nägel: man konnte auch goldene und silberne Nägel spenden. Ich hab ein wenig über diese Kriegsnagelungen recherchiert: Wikipedia nennt als Motivation den

„Drang von Menschen, die nicht mit der Waffe an die Front konnten oder durften, etwas zum Sieg beizutragen“.

Und zwar nicht nur Geld, auch eine Form des Tötens. Der Brauch geht nämlich auf Baumnagelungen zurück, die seit dem Mittelalter eine verbreitete Form der Votivgabe waren. Es wurde ein ‚lebendiger‘ Baum mit Nägeln beschlagen, bis er starb. Hier lässt man ein Stück Holz, den Feind, symbolisch sterben: Gedichte, die anlässlich dieser Nagelungen entstanden, berichten davon:

„Damit wir zerschmettern mit wuchtigem Streich. Die Feinde ringsum. Für Kaiser und Reich.“

Die mittelalterlichen Votivbäume sollten die eigene Krankheit tragen, Leid wurde externalisiert und symbolisch einem Stück Holz zugefügt, dass aber durch diese Form der ‚Rüstung‘ optisch erstarkt und wehrhaft wurde. Der alte Gedanke, dass Schmerzen dich stärker machen, dass Not und Leid auch transformative Kräfte besitzen, wird hier deutlich. Und es ist eine Erweiterung dessen, was wir als Denkmal bezeichnen.

Heute sind Steuern Opferhandlungen, damals gab es Spendenbescheinigungen für die Nägel als nachmittelalterliche Ablaßbriefe.

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#gesehen:

Es war tatsächlich Josef Hader, der Stefan Zweig gespielt hat! Ich war im Kino in Wien, in Vor der Morgenröte, einem Film über Zweigs Jahre im brasilianischen Exil. Ein guter Film, eine Biografie, die sehr reflexiv mit seiner filmischen Behauptung, ein Leben nacherzählen zu können, umgeht. Und ein Film, der Inhalt und Struktur nicht als getrennte Entitäten sieht. Ab den 30er Jahren wird Zweig in kurzen Sequenzen gezeigt, nicht nur persönlich, auch narrativ zerissen. Er, der Pazifist, der es ablehnt, seine Kompetenz als Schriftsteller auf die Politik auszuweiten, die in Deutschland längst nicht mehr ’nur‘ Politik war, wird von ihr nicht in Ruhe gelassen. Er sagt:

„Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“

Und doch wird er bedrängt, sich offensiv gegen das Hitlerregime auszusprechen, Visa zu erbitten für Leute, die er entweder kaum kennt oder noch weniger mag, er fühlt sich instrumentalisiert und gefangen in einem Exil, in dem er jeden Gefallen mit öffentlichen Auftritten erwidern muss, in dem er – in einer Welt in Aufruhr – seine Ruhe vermisst.

Sein humanistisches Weltbild wird sukzessive von den politischen Ereignissen eingeholt, bald wird es keine Ruhe mehr geben, oder nur noch die Letzte. Stefan Zweig tötet sich am Ende des Films und das, was diesen Film strukturell auszeichnet, ist die fehlende Erklärung des Freitods. Die sechs Sequenzen, die Zweigs Leben im Exil zeigen, erklären nicht, sind allenfalls Skizzen, Restlichtverstärker einer Wahrheit, die wir nie kennen werden. Die nicht erkennbar ist. Wie Zweig, der sich weigerte, Aussagen über ein Land zu machen, das er seit Jahren nicht gesehen hat, verweigert auch die Regisseurin uns jegliche Erklärung. Oder lässt sie nur in der eigenen Imagination zu. Wie hat Hannah Arendt einst über die Erweiterung des Denkens gesagt:

„Man muss die Einbildungskraft lehren, Besuche zu machen.“

Ich würde ergänzen: Und auch Besuche zu empfangen.

Trailer:

KW 22

Suade

Wir schreien nicht. Wir haben weder Worte noch Leidenschaft, wir, die wir im Säurebad der Ironie großgezogen worden. Relativismus ist in unserer Wertegemeinschaft ein Bodensatz, der sich nie löst, sondern immer weiter und wieder aufgegossen wird.

Wir äußern uns nur in Szenen, Beobachtungen, Segmenten, Stücken, Sammelsurien unserer Wahrnehmung, die öffentlich werden müssen. Einfach veröffentlicht. Wo auch immer, an wen auch immer. Hineingekippt in das Grab des unbekannten Zuschauers, in myspace, youtube, facebook. Das ist dann jener narrative Kitt, mit dem sich Identitäten mauern lassen. Ich habe ein Profil, also bin ich.

Begründungen, Emphasen, Leidenschaften kennen wir lediglich in Klammern, in Konjunktiven, in den letzten Begründungen unserer Ausfallschritte. Doch jene Ausfallschritte werden immer kleiner, kalkulierter, unbeobachtbarer. Wie auch, und wann? Was bäumt sich noch auf, was wehrt sich noch, was agitiert? Doch bedauernswerter als gesellschaftliche Lethargie ist private. Was macht noch Sinn, was fühlt sich an? Unsere Spatzenhirne lassen es nicht zu, der Verbindlichkeit ihre Versprechen abzukaufen. Sie steht an der Straßenecke mit dem Wachturm in der Hand und darf uns nicht ansprechen.

Aber dennoch spüren wir im Vorbeigehen ihre stummen Schreie, einer, der deutlichste, lautet: Reduktion. Konzentration. Und nicht reduktionistische Konzentriertheit als Formprinzip, als Stilphrase von Gewolltem. Sondern einfach so. Zuhause bleiben. Aber nicht zuhause bleiben in einem Prospekt von AD, wo man sich als imaginierte Werbetafel aufs Sofa drapiert. Einfach zuhause bleiben. Ruhe. Aber selbst Ruhe ist gelabelt, man muss sich entscheiden, buddhistische Zen-Meditation oder aber Entspannungsmusik mir Entspannungstee und Entspannungsräucherstäbchen, im Set.

Und Konzentration? Ich konzentriere mich nun auf meine Nasolobialfalte und versuche die Augencreme mit klopfenden Fingern so in die Faltenhaut ‚einzuarbeiten’, dass sie entgegen die Wuchsrichtung der Falte eindringt.

KW 20

Über Sprache

Begriffe mit Gebrauchsspuren sind Begriffe, die zu oft zu unterschiedlich belastet wurden. Integration zum Beispiel. Abstrakt für alles zu verwenden – vom Deutschkurs bis zum Minarettverbot – und ähnlich oft verwendet, um nicht sichtbar zu machen, ob man jetzt den Deutschkurs oder das Minarettverbot meint. Semantisch indifferent erodiert das Wort das Darstellungsziel und wäre es ein sprachliches Bild, würde man es eine ‚tote Metapher‘ nennen.

In der Mode sind Gebrauchsspuren ein Grund, den Artikel in ‚mäßigem Zustand‘ anzubieten. Doch Begriffe haben eine andere Haltbarkeit. Niemand sagt: zu abgetragen, muss weg. Begriffe werden aufgehoben und verstauben in den Schrankecken unserer Vorstellung, oder werden totgelaufen, bis sie an den Sätzen nur noch in Fetzen hängen. Eingliederung ist aber auch kein schönes Wort, eine Gesellschaft sollte keine Kette sein. Vielleicht ‚Zurechtkommen‘? Zu negativ. Mein Synonymlexikon schlägt noch ‚Einordnung‘, ‚Anschluß‘, ‚Einreihung‘ vor. Naja, vielleicht sind Fremdwörter doch nicht so schlecht.

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Menschen haben gerne Recht. Wie könnte es anders sein: Das Gefühl richtig zu liegen, ist angenehm und wiegt uns in der Sicherheit, dass unser Gehirn noch korrekt funktioniert. Psychologen beschreiben dieses Phänomen als ‚Funktionslust‘. Vielleicht können Diskussionen deshalb so anstrengend sein, vielleicht fällt es deshalb schwer, Fehler einzugestehen: Weil jeder Irrtum das Gefühl zulässt, defekt zu sein.

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Wenn wir etwas beschreiben, entwerten wir es seltsam. Wir entwerten es, weil es nicht repräsentierbar ist, weil Sprache immer Krücke bleibt, weil das Auge nicht korrumpierbar und das Imanigationsvermögen selten objektiv ist.

Beschreibung ist dagegen nie vorurteilslos, so sehr sie auch diesen Anschein in sich tragen mag. Beschreibung ist im selbem Maße normativ wie der Gegenstand sich dem Betrachter entzieht. Demzufolge gilt es, die Beschreibung hinter der Beschreibung zu dechiffrieren. Was sind die Ziele des Subtextes? Wo liegt die Intention, die sich unter der Beschreibung abzeichnet, sichtbar und unsichtbar zugleich als unterbewusste Botschaft, als anachronistische Manipulation?

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Ich habe Wörter entdeckt:

Das erste heisst „yonder“, ein englisches Wort, für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt. Es bezeichnet den Raum zwischen ‚hier‘ und ‚dort‘. Ich dachte zuerst, man könnte es mit ‚jenseits‘ übersetzen, doch ist man immer ‚jenseits VON irgendetwas‘, der Anfangs- oder der Endpunkt werden genannt, eine Exklusion, die bei yonder nicht zulässig ist. Man befindet sich bei yonder auf der Strecke, nicht an einem bestimmten Ort, sondern eher in einem Kontinuum von Möglichkeiten, ähnlich der Elektronenwolke bei Atomen, die auch nur in ihrer Bahn, nicht an ihrem Ort bestimmt werden können. Yonder umschreibt vielleicht nicht nur einen Raum, sondern auch einen Zustand.

Das zweite Wort ist japanisch und heisst wabi“. Ich glaube, wabi ist auch ein Wort, das sich schwer in unsere Sprache übersetzen lässt, da es ein semantisches Feld umschreibt, für das es im Deutschen nur Anreicherungen gibt, additive Reihen von Beschreibungsversuchen. Meine sind folgende: wabi bezeichnet eine Art verhüllte Schönheit, eine Raffiniertheit, die sich den Anschein der Einfachheit und Grobheit gibt, um nicht offensichtlich schön zu sein. Letztlich eine Schönheit, deren Schönheit auch darin besteht, nichts von ihrer Schönheit zu wissen.

I see bedeutet im Deutschen ja auch ich verstehe, nicht ich sehe… Und lucky is not happy. Nur wir scheinen da keinen großen Unterschied zu machen.

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#gelesen:

Rechtspopulisten repräsentieren nicht, sie sind das Volk: Kluge Analyse von Kathrin Röggla: http://monde-diplomatique.de/artikel/!5292360

KW 19

Über Rom

Wer ohne Selfiestick aus Rom zurückkehrt, ist nicht in Rom gewesen. Vielleicht kann man Städte daran erkennen, was fliegende Händler Touristen anbieten. Hier: Überall Selfiesticks, die bei Regen blitzschnell gegen Schirme getauscht werden. Rom muss also eine Stadt der Hintergründe, der Kulissen sein. Und das ist sie zweifelsfrei: Kaum eine Ecke, die sich nicht als Rückwand eignet, die dich wahlweise einschreibt in Prachtausübungen antiker oder barocker Geschichte.

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Aber erstmal: Pendler. Pendler sind überall und überall müde. Und müde Menschen handeln ökonomisch. Stellen sich eng an die Bahntüren, links und rechts einen Spalt für Aussteigende bereitstellend. In Gruppen hintereinander, die nur durch ihre leichte Asynchronität erkennen lassen, wie früh es ist. Ihr Gang, seine Zielgerichtetheit und schleppende Eleganz gleicht einem Ritual, einem kollektiven Schlafwandeln. Man findet seinen Platz intuitiv, fast ohne die Augen mehr als einen Spalt öffnen zu müssen. Am Düsseldorfer Flughafen gibt es metallbeschlagene Bodenfliesen vor den Türen des Shuttlezuges. Dort stehen sie, in Gruppen von fünf, die Markierung nicht überschreitend.

Und: es ist immer ruhig in Pendlerzügen. Konfrontiert mit der schweren Stille von vertriebenem Schlaf wird jedes Gespräch, jedes Telefonat schleppender und verstummt irgendwann. Dieser Verhaltenskodex ist geprägt von einem Nebel aus Müdigkeit, der jeden Einsteigenden umgibt. Erst bei der Arbeit, erst im Büro musst du wach sein. Bis dahin Dämmerung.

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Wir stehen auf dem Palatin, der ersten Siedlung Roms. Die Siedlungsspuren auf dem Hügel reichen zurück bis in die mittlere Steinzeit (100.000-35.000 v. Chr.), und seit dem 9. Jahrhundert hatten sich Menschen hier dauerhaft niedergelassen. Damit ist der Palatin Quelle und Zeuge des zivilisatorischen Motors schlechthin: Der Sesshaftigkeit. Der Moment, in dem der Mensch sich niederlässt, Ackerbau betreibt und mehr Kinder kriegen kann. Der Moment, an dem Felder bestellt und fruchtbar werden, Tiere gehalten und verwertet, Häuser gebaut und bewirtschaftet werden müssen. Die Sesshaftigkeit gilt nicht nur in der Archäologie als der Innovationsantrieb schlechthin, als der Moment, in dem die Welt nicht nur gepflückt, sondern genutzt wurde, in dem der Mensch nicht nur alles auf der Erde sammelte und erlegte, sondern in sie eingriff, Brunnen anlegte, Erde umgrub, Städte baute und sie ummauerte.

Wenn Sesshaftigkeit nicht nur ein Begriff, sondern ein Selbstverständnis ist, macht es Sinn, dass immer wieder Völker verfolgt wurden, die nicht sesshaft waren. Denn Nichtsesshaftigkeit, Nomadentum macht den Sesshaften Angst. Angst auch deshalb, weil die Wandernden nicht zu orten, nicht einzuschätzen sind. Und nicht zählbar. Wann, wo und ob sie eine Gefahr darstellen, kann man nicht wissen und nur schwer in Erfahrung bringen. Diese alte Angst scheint heute wieder da zu sein. Geflüchtete haben ähnliche Merkmale: schwierige Verortung, schlecht erfassbar und zählbar, als Gruppe heterogen. Und das alles innerhalb unserer Stadtmauern. Sesshaftigkeit hat vielleicht unsere Triebe gezähmt, aber nicht unsere Ängste.

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Was man altersgerechte Kleidung nennt, scheint es hier nicht zu geben. Omas sind nicht beige in Rom. Eher bunt. Und Jeans kann man mit 80 ebenfalls tragen. Auch Kälte ist relativ. Es waren 20 Grad, Touristen hatten T-Shirts, Römer Daunenjacken an. Ich habe das schon in anderen südlichen Ländern beobachtet und ich bin mir sicher, es hat nicht nur damit zu tun, dass 20 Grad in Rom tatsächlich als kälter empfunden werden. Es ist auch das Modeempfinden, dass es den Römern unmöglich macht, nur eine Saison zu tragen. Wann kann man denn die schönen Jackenmodelle, Steppwesten und Stiefelformen anziehen, wenn nicht bei 20 Grad im Mai?

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Wir fahren raus aus Rom. Hochhäuserstapel, wie so oft. Siebzig Wohnungen und mehr über- und nebeneinander. Hier fällt auf: fast jeder Balkon ist bepflanzt. Man hofft auf 50 Rosmarinkübel senkrecht und 30 Oreganokübel waagerecht. Auf den Dächern Stachel aus Fernsehantennen, für jede Wohnung eine. Wenn jede Stadt ihre Hochhäuser ebenso einzigartig machen wie ihre fliegenden Händler, hat Rom einen Speckgürtel, der grün und stachelig ist. Gesäumt mit Pinien.

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#gesehen:
„Du musst zum Vater!“ „Du musst zur Mutter!“ „Nein, zum Vater!“

Ein Mädchen, nicht gewollt, nur mit eigenem Willen ausgestattet. Ihre einzige Hilfe: Ihre Katze.

 

#gesehen:

Auf meinem Handy kann ich zeichnen. Hier: Der Petersplatz mit Obelisk und Brunnen. Fast wie Winckelmann.

2016-05-16 18.29.03

KW 18

Über Druck

Ungepolsterte Augen, die angeschrien werden: Hier Leid, hier schöne Wohnung, hier funny Katzenvideo! Schau, schreit es ihnen entgegen, sieh hin, konsumiere, helfe. Ich blicke weg. Es gibt den Druck der Aufmerksamkeit der Dinge, die in sozialen Medien als Wellen unsere Augen brechen. Einen Druck der Welthaftigkeit, der dort vermittelt nur ein Foto oder ein kurzer Text ist, aber eigentlich so viel mehr: Unser Gehirn schmeißt uns nach links und rechts, nach oben und unten: Sieh, dieses kleine Pinguinbaby ist in Not. Sieh, dieser Fußballspieler ist ungehörig gewesen. Sieh, hier eine wackelige Gif eines Wellensittichs. Dabei sieht man nur Echos. Pixelgewordene Echos, die wir mit Welt verwechseln. Alles ist gleichzeitig und doch nicht da.

Durch dieses Übermaß an Echos gibt es auch ein Übermaß an Hall. Unsere Ordnungen, das, was man glaubt, ein ‚geregeltes‘ Leben zu nennen, wird aufgepumpt und gestört. Mit Vergleichen, die digital sind, Interieurblogs, die immer besser aussehen als die eigene Wohnung, mit Körpervorbildern, die massenweise als digitale Geister das Netz fluten, mit Angeboten zu Nachfragen, die wir nie hatten.

Wenn man sich vergleicht, gleicht man dem Anderen automatisch. Der Vergleich lässt nur Ähnlichkeit zu, jeder andere Aspekt, jede Alterität, jede Eigenschaft, die einen Vergleich eigentlich nicht zulassen würde, wird ausgeblendet. Ich habe mal eine Hausarbeit gelesen, in der eine mittelalterliche Buchmalerei, die die Übergabe der Gesetzestafeln an Moses zeigte, mit einem amerikanischen Historiengemälde verglichen werden sollte, auf dem Thomas Jefferson die Unabhängigkeitserklärung verfasst. In beiden Bildern wurden zwar ‚Gesetze‘ erstellt und transferiert, aber damit schlossen sich auch die medialen Gemeinsamkeiten. Man kann nicht alles vergleichen, man sollte es nicht. Weil ein Vergleich immer auf eine Wertung verweist, ein besser und schlechter imaginiert und das, obwohl zu wenig Kategorien existieren, die tatsächlich einen Vergleich zuließen.

Byung-Chul Han hat jüngst gesagt:

„die Bemühung um Authentizität, nur sich selbst zu gleichen, löst einen permanenten Ver-Gleich mit anderen aus.“

Es scheint absurd: Je mehr wir authentisch, letztlich uns selbst ähnlich sein wollen, desto mehr muss man sich von anderen abgrenzen. Und das passiert durch den Vergleich, der schnell gezogen ist in digitalen Zeiten, wo jede Kategorie sofort recherchierbar ist. Doch was vergleicht man dort wirklich? Und warum lassen wir zu, dass diese Echos Druck erzeugen?

Wir brauchen Druck. Wir suchen ihn. Denn Druck ist physikalisch ein Widerstand, ein Widerstand vor der eigenen Verkleinerung. Wenn ‚die Moderne‘ dadurch gekennzeichnet ist, dass Orte des Zwangs, wie Fabriken oder die Armee, weniger Personal benötigen, ist der externe Druck einem internen gewichen. Die Freiheit und Flexibilität westlicher Gesellschaften lässt – so eine These – so wenig Zwang sichtbar werden, dass wir jenen Druck, der notwendig ist, um so etwas wie Identität zu formen, verinnerlichen.
Schon Descartes hat die Vorstellung von Identität als Raum bemüht, der ausgestellt und eingerichtet wird. Ist das der Grund für den Erfolg von Interieurblogs? Wo Eigentum herrscht, fängt Reinigung an. Beschmutzt sind nur die Außenräume, die Stadt, Staat oder einer sonstigen kaum fassbaren Entität obliegen.

Es gibt zu viele Ordnungsangebote, zu viele Kategorien. Der Druck, den wir empfinden, ist auch ein Druck der Annahme, es könnte nur ein entweder/oder und kein und in dieser schieren Masse geben. Christiane Frohmann hat auf der re:publica vor ein paar Jahren einen schönen Vortrag über dieses und-Dasein gehalten. Ihre grobe These war, dass man entweder/oder-Menschen von und-Menschen trennen kann. Und für entweder/oder-Menschen prägte sie den schönen Satz, dass jene sich als Content dem Kontext anpassen müssen, dass sie immer wissen, welche Rolle sie gerade innehaben.
Ich denke, ein Teil der gefühlten Überforderung ist daraus abzuleiten. Wir wollen Sinn, Ränder, umgrenzte, einfache Zuschreibungen. Die es – zumindest im Netz – in diesem hermeneutischen Sinn nicht mehr gibt. Die Art der Überforderung, der Druck entsteht aus den vielfachen Kontexten, in denen man sich nicht mehr verhalten kann. Richtig oder Falsch kann und sollte keine primäre Reaktion auf diese Art der Information sein, und wenn wir doch so denken, enden wir im Vergleich.

Den und-Menschen hat Frohmann vor allem attestiert, dass sie mischen. Das Ordnungen und Kategorien für sie nicht dieselbe institutionelle Bedeutung besitzen wie bei entweder/oder-Menschen. Ein früher und-Mensch ist z.B. Robert Musil, der es nie mit der festen Vorstellung von Identität als gesetztes, eisernes, mit Attributen angereichertes Ich hatte, sondern sagte:

„Individuum ist ein Ablauf, eine Variation. Fertig mit seinem Tod“.

Als Lackmustest, ob man ein entweder/oder- oder ein und-Mensch ist, empfiehlt Frohmann übrigens, sich die Frage zu stellen, ob man eine Email an Barack Obama mit Emoticons versehen würde.

Ich mag diese Unterscheidung, auch wenn ich mich keinem oder eher beiden Lagern zuordnen kann (was auch möglich ist). Diese Unterscheidung erklärt nämlich sehr schön anschaulich den Druck. Nicht nur den Druck der Sehdaten. Sondern auch den Druck, jedem Rollenangebot, jeder Information mit einem ‚adäquaten‘ Verhalten, sei es emotional oder physisch, begegnen zu wollen. Vielleicht sollten wir versuchen, das hin und wieder zu lassen. Und uns nicht verhalten.

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#gelesen:

Besucht ihr die International Movie Database (IMDb), Metacritic oder Rotten Tomatoes, bevor ihr einen Film anseht? Lucas Barwenczik hat hier sehr lesenswert aufgeschrieben, wie diese Datenbanken funktionieren und das Schwarmintelligenz nicht immer intelligent sein muss:

http://www.kino-zeit.de/blog/b-roll/kritik-an-der-schwarmkritik-das-problem-mit-imdb-rotten-tomatoes-und-metacritic

KW 17

Über Zufall

Game of Thrones hat wieder angefangen, jipieh! Alles scheint erleuchtet, die Abende weniger sinnlos, Vorfreude grenzenlos zu sein! GoT ist als Serie ein einziger Schmelztiegel.  So unterschiedliche Menschen feiern diese Serie, man versammelt sich vorm virtuellen Lagerfeuer aus Eis und Feuer.

GoT spielt in einer Welt, in der Gesetze noch Hörensagen sind und Macht mit dem Schwert erlangt wird. Nichts ist fest in dieser Serie, alles ist noch drin, flüssig und machbar. Es würde vollkommen Sinn machen, wenn John Snow ‚auf einmal‘ von der gestaltwandelnden Arya zum Leben erweckt werden würde.

Allerdings zeugt diese Cliffhangertaktik noch von ganz anderen Interessen als narrativen: die krautreporter haben  anhand von The Walking Dead aufgeschrieben, wie man in Staffelpausen Buzz erzeugt: Glenn ist Tod! – Ein paar Folgen später – nein, ist er nicht! Er hat unter einer Mülltonne überlebt. Gerade wenn Serien – wie GoT oder TWD – die narrativ geschickt mit der Willkür des Todes arbeiten, solche PR-Shows abziehen, wird der ‚Zufall‘, das Unvorhergesehene, das wir an ihrer Erzählart schätzen, korrumpiert.

Doch Dinge passieren. Aus unterschiedlichen Gründen: Wenn Menschen handeln und Dinge passieren, spricht man von Intention. Aber auch das ist oft geraten. Wenn Tiere aussterben spricht man von Evolution oder bemüht andere Natur’gesetze’, wenn ein Stein fällt wars die Schwerkraft. Doch wo bleibt der Zufall? Haben wir ihn ausgerottet? Haben unsere Begründungszusammenhänge das eliminiert, was sich jeglicher Begründung entzog? Hat das Narrativ die Tatsache gekillt? Aber auch der Zufall ist ein Zuschreibungsprodukt: Zufälle entstehen erst, wenn sie bemerkt werden. Eine der spannendsten Fragen in der zeitgenössischen Mathematik besteht darin, ob man so etwas wie Zufall herstellen kann. Intuitiv würde man sagen geht nicht, weil es ja dem Prinzip des Zufalls widerspricht: Da er keine Folge von Handlungen ist, kann er auch nicht aus Handlungen erfolgen.

Unfall und Zufall, beide accidents treffen sich nicht nur auf englisch. Letztlich ist es kaum folgerichtig, einen Unfall einen Zufall zu nennen. Ein Unfall ist per definitionem eine Verkettung unglücklicher Umstände, kausal, aber nie intentional erklärbar. Der Zufall dient als Alibi der Planenden und erweckt den Anschein, das Gewebe von Transaktionen und Maßnahmen, in die das Leben verwandelt wurde, lasse für spontane unmittelbare Beziehungen zwischen den Menschen Raum.

Wir sträuben uns gegen die Idee, dass nichts Faktisch sein muss, dass nichts Gegeben ist. Es ist schon komisch, wie unsere säkularisierte Gesellschaft plötzlich dem Gott des Gegebenen huldigt: sicher gibt es strukturelle Zwänge, Ungerechtigkeiten zuhauf, aber die ontologische Determiniertheit, mit der der Zufall und damit die Möglichkeit aus dem Spiel geworfen werden, lässt mich schaudern. Um unsere Kausallogik zu verteidigen, sagen wir ständig „es ist kein Zufall, dass…“ oder „nicht zufällig ist es so…“. Alles muss intendiert, beabsichtigt, gerichtet sein, nichts darf „bloßer Zufall“ sein. Mit dieser Abwertung des Zufalls wird er zu etwas, das zivilisatorisch überwunden gehört. Wenn wir uns anstrengen – so der implizite Glaube – wenn wir alle Naturgesetze entschlüsselt haben, aller Empirie eine Wahrscheinlichkeit unterlegt haben, brauchen wir den Zufall nicht mehr. Er ist nur ein Hilfskonstrukt unserer Unzulänglichkeit, das eingestandene Versagen der Vernunft, eine ungestochene Abstraktionsblase. Dabei ist der Zufall durchaus basisdemokratisch: alle Gleichheit hat ihren Grund in der Gleichheit vor dem Zufall, gezeugt und geboren worden zu sein.

Wenn Zufall, dann aber sowas wie Serendipity, ein glücklicher Fund auf dem Flohmarkt, ein unbeabsichtigter Gedanke oder ein Geschenk, dass ja auch ‚zufällig‘ zu sein hat: Im Gegensatz zu einer beabsichtigten Produktion und Aneignung hat das Gefühl des Beschenktseins eine ästhetische Notwendigkeit im zufälligen Vorfinden. Der Begriff Serendipity geht übrigens zurück auf den englischen Schriftsteller Horace Walpole, der das Wort 1754 in einem Brief auf ein persisches Märchen von drei Prinzen auf Sri Lanka bezog, die eigentlich rein gar nichts suchten und dennoch lauter zufällige Entdeckungen machten. Auf Persisch hieß die Insel seinerzeit „Serendip“.

Katrin Passig zum Beispiel ist eine Art Aktivistin des Zufalls. Auf ihrem Techniktagebuch kann man sich nicht nur einen Zufallsbeitrag anzeigen lassen, sie vertreibt auch T-Shirts mit zufällig ausgesuchtem Spruch drauf, den man aber sieht, bevor das Shirt im Einkaufswagen landet.

Dennoch bleibt es dabei: Die meisten Menschen mißtrauen dem Zufall. Natürlich kann man dem Zufall nicht wirklich vertrauen, da er etwas ist, was als Logik ungelöst oder kalkuliert ist. Interessant dabei: Alles soll allgemeinen Gesetzen gehorchen, nur der Mensch nicht. Seinen freien Willen will er nicht einem Prinzip opfern, dessen Kausalität unzureichend geklärt ist. Und dennoch: Zufällig soll unsere freie Wahl auch nicht sein. Es war Kant, der als Lösung vorschlug, dass es sich bei Willensfreiheit dann eben um das Vermögen handelt, einen Zustand von selbst anzufangen.

Die Norm ist der reproduzierte Zufall: die kleine oder große Differenz, welche der Zufall zwischen Planen und Gelingen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wollen und Bewirken legt. Walter Benjamin hat ein schönes Bild für den Zufall gefunden: Er erzählt von der Lehre des Epikur, dessen alte Götter sich in den Intermundien aufhielten, jenen leeren Räumen zwischen den Welten, wo sie nichts ausrichten konnten. Der Sitz des skeptischen Betrachters – so sagt er – ist in jenen Intermundien der Weltgeschichte, die man Zufall nennt.

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#gelesen:

Ein Artikel von jemandem, der GoT nie sehen wollte. Und es dann doch tat. Pros & Cons auf unnachahmliche New Yorker-Weise

http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/18/the-raw-appeal-of-game-of-thrones

KW 16

Über Trauer

Prince. Jetzt ist der zweite Musiker gestorben, dem ich Ganzkörperanzüge in Plastik geglaubt habe. Der sich selbst nie in die Erzählung eines Comebacks einschreiben musste. Der immer gearbeitet hat, egal unter welchen Namen oder Symbolen (sowieso nur die Folge von Warner-Schikanen). Eric Clapton wurde einst gefragt, wie es sich denn anfühlt, der beste lebende Gitarrist auf der Welt zu sein. Er sagte: Keine Ahnung, frag Prince. Prince war neben Al Green der Meister der Sexmusik. Man kann nur ahnen, auf wievielen XXX-Playlisten er stand. Peter Breuer sagt:

Popmusik fängt an, wenn das Verlieben beginnt. Das ist Teil der menschlichen DNA. Die Bands oder Musiker, für die man sich in dieser Zeit entscheidet, sind wie die erste unglückliche Liebe, der erste Kuss und der erste Sex – Vergessen unmöglich.
https://peterbreuer.me/2016/04/22/no-beginning-and-no-end/

Und das Netz trauert. Wie bei Bowie. Gemeinsame, performative Trauer, die massenhaft alles hochspült, was das kollektive Gedächtnis längst verdrängt hatte: Prince in der Muppet-Show, Prince in Dessous auf der Bühne, alles in lila Regen. Allein der YouTube-Gema-Disput macht dieser Form der Trauer einen Strich durch die Rechnung: Jeder Hit auf YouTube ist gesperrt oder nur in schlechten Coverversionen verfügbar. Aber manchmal auch in guten.

Wenn das Netz trauert, weint es nicht. Es spricht, postet, erinnert sich. Man weint vielleicht im neuen Facebookemoji, aber wichtiger ist die kollektive Würdigung des Gehörten, Gelesenen, Gedachten. In seiner ausschnitthaften Auffindbarkeit wird ein komplettes Lebenswerk in die sozialen Medien gespült, und man versucht, wie früher im Plattenladen, den geheimsten, seltensten Fund zu tätigen: Die alte Bootlegplatte ist nun das schwarzweiße Video seines ersten öffentlichen Auftritts, die rare Pressung das erste Rolling Stone-Interview. Ein Politico-Beitrag nennt diese Form der Trauer „to out-sad one another“. Ich seh das anders. Man erinnert sich und fahndet nach dieser Erinnerung. Nur jetzt im Internet.

Ich mag das ja: Twitter & Facebook werden zum Kondolenzbuch und man kann stundenlang Prince oder David Bowie hören, an Robin Williams Filme erinnert werden und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Klar ist das kein neues Phänomen: Zu Victor Hugos Beerdigung kamen Millionen Pariser, bereits die Griechen und Römer haben riesige Beerdigungen organisiert. Neu ist der partizipative Moment des Netzes: Du – als Postender – bist Teil der Trauergemeinde, auch wenn es nur ein schnödes RIP ist. Du trägst durch deine Beiträge, die geteilten Interviews und Videos etwas bei, kannst in der Hilflosigkeit der Trauernachricht produktiv sein. Du kochst kein Essen für die Kernfamilie, aber du feierst Talent, das jäh zum Erbe geworden ist.

Ich finde diese Art kollektiver Trauer nicht billig, nur weil es wahnsinnig bequem ist. Man muss nicht mal aufstehen. Ein paar Klicks, schon ist man dabei. Richtig bleibt natürlich, dass es

eigentlich nicht der tod sein (sollte), der uns an unsere lieben, die lebenden oder unsere leidenschaften erinnert.
http://wirres.net/article/articleview/9730/1/6/

Als Internetphänomen wird der Tod von Celebrities immer anders betrachtet werden als jeder andere Tod, der nicht öffentlich gehandelt wird. Öffentlich halt. Eine öffentliche Person wird öffentlich betrauert, so lauten die Spielregeln, die sich mit den Regeln des Netzes paaren. Das Internet hat die Fähigkeit, jedes Ereignis, selbst den Tod, zu einem sozialen Trend zu machen. Und ist es nicht auch ein kleiner demokratischer Akt, ein Stück Selbstermächtigung, etwas ‚trenden‘ zu lassen?

Im Englischen gibt es den Unterschied von grief und mourning, zwischen innerer und äußerer Trauer. Wenn wir in Posts das Leben von Prince oder Robin Williams, oder David Bowie Revue passieren lassen, befinden wir uns aufmerksamkeitsökonomisch immer auf der sicheren Seite, da content umso interessanter wird, wenn er likeable und teilbar ist. Das Gesetz der Nachfrage schütz die Trauer. Die Ausgesetztheit des Netzes, mit jedem Post eine mögliche Angriffsfläche zu bieten, fällt bei öffentlicher Trauer weg. Solange man die ‚richtigen‘ Menschen betrauert fällt man weich in die offenen Arme des klagenden Internets.

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#gelesen:

Die ‚Geburt‘ des Neoliberalismus und seine Folgen: Toller Artikel, der jede Wirtschaftswissenschaftsvorlesung bereichern würde:

http://www.theguardian.com/books/2016/apr/15/neoliberalism-ideology-problem-george-monbiot

#gesehen:

2016-04-24 19.53.32

KW 15

Über Familientreffen

 

„Wenn ein Mitglied der Familie sich die Haare färben lässt,
mag das in der Familie Aufsehen erregen. Aber es wäre
doch unrealistisch, anzunehmen, daß die Familienmitglieder
dies deshalb beachten, weil die Familie gefärbt worden ist.“
Niklas Luhmann, Sozialsystem Familie.

„Magst a Stück Zeit“ sagt er und teilt sich mit ihr die Zeitung. Ich sitze in einem Zug aus Leipzig. Dort war die letzen Tage ein Familientreffen von S. Man hätte da auch gerne noch Zeit gehabt, eine andere Zeit, anders gruppiert und anders organisiert: Ankommzeit, Kennlernzeit, Zweierzeit… vielleicht 6 x 2 Stunden, wie letztes Jahr, als sich die Familien von 400 Süd- und Nordkoreanern trafen.

Hatte man aber nicht. 13 Personen unterschiedlichen Alters und Verwandtschaftsgrades saßen also drei Tage lang zusammen und versuchten, den kleinsten gemeinsamen Konversationsnenner zu finden: Bier ging gut und Autos gingen gut, Fußball sowieso und Wetterapps waren auch sehr beliebt. Wohl auch, weil sich das weitere Programm danach ausrichtete. Nur nach Sichtung von vier verschiedenen Apps konnte der durchs Fenster scheinenden Sonne endlich vertraut werden. Dann ging man los.

Kleine gemeinsame Konversationsnenner gibt es sicher in jeder Familie und ich wage die These: es sagt etwas über die soziale Selbsteinschätzung der Familie aus, wenn man diesen Gesprächen zuhört.
In meinem Fall schienen es Menschen gewesen zu sein, die – trotz hart erarbeiteten kleinen Wohlstands – stolz „auf dem Boden geblieben sind“. Sie lebten größtenteils bürgerlich, waren gutgelaunt und mochten keine intellektuellen Aufschneider. Ein wenig inwendig schien alles: Kleine Männer und Frauen, die sich in einen großen, etwas schweren Körper zurückgezogen haben.

Man problematisierte Hotelketten und sprach über Comfortzimmer bei Mercure, die kleiner und schlechter equipped seien als NH Hotels und ließ Frühstücke miteinander konkurrieren. Man zimmerte an einem Selbstbild, dass nie aus Arbeit, sondern aus Rügen bestand, oder aus Italien, jedenfalls aus Urlaub. Das, was erzählbar war, war nicht das, was man jeden Tag machte, sondern das, was man nur einmal im Jahr tat. Die kleinen Fluchten, die – weil viel zu kurz – kommunikativ aufbereitet und wiederholt werden mussten.

Man fand sich in Referenz auf die Vergangenheit und der erste Abend war davon geprägt, alte Wissensbestände auf ihre Aktualität hin abzuklopfen: S., der es einmal gewagt hatte, bei einem anderen Treffen nach 12 Uhr draußen gewesen zu sein, war in der Wahrnehmung der meistem immer noch der enthemmte Teenager, die personifizierte jugendliche Übermut, dem nun jedes Bier anekdotenhaft vorgehalten wurde. Da es nur zwei waren, musste die Folie angepasst werden. Fortan wurde alles kommentiert, was seinen Teller fand, da er ebenfalls gerne und gut isst.

Nach drei Tagen hatte ich das Gefühl, es gibt – zumindest für Außenstehende – zwei Kommunikaionsstrategien für Familientreffen: Anekdotensammeln und Legendenbildung. Erst wird versucht, alles zur Anekdote zu machen, den Mensch auf seine Erzählbarkeit zu reduzieren und dann wird die Anekdote so lange geprobt, wiederholt und aufgeführt, dass sie beim nächsten Mal zur Legende reicht. Es herrschte über alldem eine herrlich leere Sorte Frieden. Man feierte Familie als Klammer vor der Welt, als Hort und Rückzugsraum vor der Unbill des Alltags.

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#gelesen:

http://dummy-magazin.de/issues/50-idioten/articles/941

 

#gehört: